Son of Saul
Kann man das Konzentrationslager zeigen, ohne es zu banalisieren? Lange galt die Antwort von Claude Lanzmann mit seinem dokumentarischen Opus «Shoa» (1985) als definitives «Nein». Mit «Son of Saul», der in Cannes mit dem Grossen Preis ausgezeichnet wurde und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten hat, ist die Debatte neu entfacht. Mit einem ästhetischen Konzept, das die Erlebnisse der Opfer als Fokus wählt, ist selbst ein Spielfilm möglich!
Saul ist Mitglied eines Sonderkommandos, das in den Gaskammern Handlangerarbeit machen muss: Menschen ziehen an ihm vorbei, die sich ausziehen müssen. Dann gilt es, die Kleider auf Wertgegenstände zu durchsuchen, die toten Körper hinauszubefördern und die Gaskammern zu reinigen. Eigentlich sind diese Bilder und Szenen nicht zu verkraften. Und dennoch gelingt es László Nemes, dem ungarischen Regisseur jüdischer Herkunft, eine adäquate Herangehensweise und Erzählhaltung zu finden. Alle Ereignisse werden strikt aus der Perspektive der Hauptfigur gezeigt. Die Fragmente dieser Wahrnehmungen setzen sich langsam zu einem grösseren Bild zusammen, das aber erst im Zuschauererlebnis entsteht. Das «Wie» dieser subjektiven Montage ist derart neu und in ihrem Effekt überraschend, dass man hier von einem aussergewöhnlichen Zugang sprechen kann. Wer sich auf dieses Meisterwerk einlässt, erlebt eine Hommage an die Opfer, die es so im Kino noch nie gegeben hat.
Charles Martig, Filmjournalist Katholisches Medienzentrum
«Son of Saul» (Saul fia), Ungarn 2015, Regie: László Nemes, Besetzung: Géza Röhrig, Urs Rechn, Todd Charmont; Verleih: Agora Films Sàrl, Internet: http://www.agorafilms.net
Kinostart: 17. März 2016
| «Son of Saul» ist unser Film des Monats März und als pdf abrufbar. Film-des-Monats-Archiv |
Auszeichnungen: Oscar 2016, Bester fremdsprachiger Film; Golden Globe 2016, Bester fremdsprachiger Film; Cannes 2015, Grosser Preis der Jury
