Son frère
Zehn Jahre haben die beiden Brüder Luc und Thomas getrennt gelebt und nicht miteinander gesprochen. Die Kränkung sitzt bei Luc tief, seitdem ihn sein älterer Bruder fallen liess. Luc´s Homosexualität konnte er nicht akzeptieren. Und nun bringt eine seltene Blutkrankheit, die bei Thomas ausbricht, die beiden wieder zusammen. Die Blutplättchen verringern sich in bedrohlichem Masse; er könnte jederzeit einer Hämorrhagie, einer Blutung, zum Opfer fallen. Mit aller ihm verbleibendenden Kraft vereinnahmt Thomas seinen Bruder, verfügt herablassend über ihn und macht ihn zum Zeugen seines Todeskampfes. Gleichzeitig ist der Hilferuf auch eine Chance, die offenen Rechnungen zu begleichen.
Der französische Regisseur Patrice Chéreau erzählt von einer verschütteten Beziehung, die durch den drohenden Tod einen neuen Atem bekommt. Den Bruderkonflikt überträgt er achtsam in das Körperspiel seiner Hauptdarsteller. Selten sind Körper so direkt und zugleich geheimnisvoll gefilmt worden. Chéreau eröffnet durch seine formale Radikalität ein lebendiges Assoziationsnetz. Er spricht in sinnlich konkreten Einstellungen von der Krankheit und von der Würde, die selbst noch im Sterben einen Halt gewährt. Damit erreicht er eine psychologische Tiefe, die den Tod zu einer unausweichlichen Erfahrung im Kino macht.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
„Son frère“, Frankreich 2002, Regie: Patrice Chéreau, Besetzung: Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Antoinette Moya, Nathalie Boutefeu, Verleih: Look now!, Internet: http://www.looknow.ch
