Smoke Signals

„Wie können wir unseren Vätern vergeben? Vielleicht in einem Traum …“ Die Worte Dick Louries aus dem Buch „Forgiving our fathers“ bilden das erzählerische Leitmotiv des road movie „Smoke Signals“. Die Vater-Sohn-Geschichte ist alltäglich und gleichzeitig universell. Victor (Adam Beach) lebt im Reservat der Coeur d´Alene-Indianer zusammen mit seiner Mutter Arlene (Tantoo Cardinal). Wie viele im Reservat hat auch er keine Erwerbsarbeit und lebt in einer perspektivenlosen Situation.
Victor lebt in Erinnerungen und Träumen, die ihn existentiell beschäftigen. Mit zwölf Jahren hat er seinen Vater Arnold (Gary Farmer) zum letzten Mal gesehen, als dieser sich nach einem masslosen Gruppenbesäufnis mit Arlene zerstritt und in seinem Ladewagen davonfuhr. Erst zehn Jahre später erhält Victor wieder Neuigkeiten von seinem Vater. Er ist in Phoenix, Arizona, gestorben. Das bringt Victor in eine zwiespältige Situation: zwar möchte er gerne nach Arizona reisen, um die Asche seines Vaters heimholen, doch fehlt das Geld dazu. Er ist erschüttert von der Todesnachricht, doch seine Wut auf den trinkenden Vater ist tief in ihm eingegraben und lässt keinen Raum für Versöhnung.

Hin- und hergerissen trifft Victor auf den gleichaltrigen Thomas (Evan Thomas). Dieser ist ein aufgeweckter Sonderling, der ständig wundersame und fesselnde Geschichten erzählt, an der Grenze zwischen Realität und Fiktion balancierend. Mit seinem strahlenden Lachen nimmt er seine Mitmenschen für sich ein, und auch Victor kann seine ablehnende Haltung nicht lange aufrechterhalten, als ihm Thomas das Geld für die Reise anbietet. Das Angebot ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Da Thomas als Kleinkind durch Victors Vater aus den Flammen des brennenden Elternhauses gerettet wurde, idealisiert er diesen Mann und möchte unbedingt mitfahren. Zusammen machen sich die beiden jungen Männer auf den Weg nach Arizona. Die Reise wird für sie eine Suche nach dem Vater, den sie verloren haben, und damit eine Suche nach der eigenen indianischen Herkunft.

Indianer oder native americans – wie diese Bevölkerungsgruppe in den USA politisch korrekt heisst -sind bis in die neunziger Jahre vor allem als Klischee im Hollywood-Film aufgetaucht. Indianer verkörperten im Mainstream bisher meist Hindernisse im Weg der voranschreitenden Zivilisation, oder sie erschienen als die idealisierten Vorbilder, die das Kinopublikum auf die eigene Dekadenz aufmerksam machten. Vom Tomahawk schwingenden Sioux mit Killerinstinkt über den edlen Wilden, der naturverbunden und würdevoll am Konflikt mit der westlichen Zivilisation zu Grunde geht, bis zur sexuell besetzten Squaw reicht das Spektrum der Stereotypen. Auch die kritischen, pro-indianischen Filme wurden der kulturellen Identität der native americans kaum gerecht. Kevin Costners „Dances with Wolves“ (1990) etwa griff auf den Mythos des grimmigen Kriegers zurück, der stoisch und verschwiegen durch die Prärie schweift und nach Bisons jagt.

Chris Eyre stellt in „Smoke Signals“ die verzerrte Sichtweise wieder scharf, indem er alltägliche Indianer-Figuren zeigt. Der Film zeugt von einem neuen Selbstbewusstsein, das auf der Neuentdeckung der „verschwundenen“ Amerikaner beruht. Chris Eyre distanziert sich in seiner Erzählhaltung deutlich von der Geste der Trauer über die verlorene Geschichte der Indianer. Demgegenüber erfahren die ZuschauerInnen viel über das indianische Leben in den USA der Gegenwart: die Bedeutung von Heimat und Familie, den Wert der Tradition und mündlich überlieferte Philosophie, aber auch die Armut, den Alkoholismus und den Zerfall der Familienstruktur. Eyre zeigt dieses Leben jedoch nicht als amerikanisches Problem, sondern vermittelt eine optimistische Sicht und wählt deshalb ein versöhnliches und friedliches Ende.

Charles Martig (gekürzt)

Smoke Signals, USA 1998, Regie: Chris Eyre

Film des Monats Januar 1999