Seh-, Hör- und Gesprächsstoff für die Familie

Die päpstliche Botschaft zum diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel beginnt mit dem für den „Medienpapst“ Johannes Paul II. bezeichnenden Satz: „Das immense Anwachsen der Kommunikationsmedien und ihre vermehrte Verfügbarkeit hat aussergewöhnliche Möglichkeiten zur Bereicherung nicht nur für das Leben des Einzelnen, sondern auch der Familien mit sich gebracht.“

Bereits mit diesem Einstieg zum Thema „Medien in der Familie“ lässt er so manche besorgte Pädagogen und Kirchenleute weit hinter sich. Diese stellen bestenfalls ängstliche Fragen wie: „Was sollen wir mit dem Fernseher tun, damit er nicht allzu sehr schadet?“ Mit ähnlicher Skepsis begegnet man Computerspielen, Kinofilmen oder Comics. Je populärer und weiter verbreitet ein Medium, desto grösser die Vorbehalte. Von bequemer Konsumhaltung ist dann die Rede, vom Verlust der Fantasie, von verdummender Unterhaltungssucht oder narzisstischer Spass-Gesellschaft.

Unterstützt wird das Misstrauen von schockierenden Geschichten, die immer wieder die Runde machen, von Amokläufen beispielsweise, die den zersetzenden Einfluss der Medien insbesondere auf Kinder und Jugendliche belegen sollen. Tatsächlich ist nach wie vor äusserst umstritten, ob ein direkter Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Verhaltensmuster überhaupt hergestellt werden kann. Sicher ist nur, dass sich die Ursachen unseres Verhaltens nicht auf die simple Gleichung „Brutalität gesehen = brutal geworden“ bringen lassen. Die Allmacht der Medien wird sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht weit überschätzt. Was Medien allerdings können, sind Tendenzen und Neigungen zu verstärken. Einfach gesagt: Wenn ein Jugendlicher einen einzelnen Gewalt verherrlichenden Film sieht, wird er sicher keinen bleibenden Schaden davon tragen – wenn er allerdings nahezu ausschliesslich Gewalt verherrlichende Filme sieht, ist das ein Alarmzeichen. Die entscheidende Frage richtet sich dann allerdings nicht in erster Linie an die Medien sondern an das familiäre und gesellschaftliche Umfeld: Weshalb sieht sich unser Kind mit Vorliebe solche Filme an? Eine Antwort darauf, die weiter hilft, wird immer ein vielschichtiges Puzzle sein.

Was den Umgang mit Medien betrifft, gilt für Eltern zunächst einmal, sich in grosser Gelassenheit zu üben und die hysterische Angst abzulegen, dass bereits eine verdorbene Medienmahlzeit schon den Untergang von sämtlichen mühsam erkämpften Erziehungserfolgen und grundlegenden Werten nach sich zieht. Selbst wenn ein Kind wegen einer Geschichte, einem Film beispielsweise nicht schlafen kann, bedeutet das noch lange keine Katastrophe. Im Gegenteil, sehr oft kommt man so einer Sache auf die Spur, die das Kind schon lange beschäftigt.

Es ist deshalb nicht notwendig, seine Kinder rigoros zu überwachen. Klare Regeln und unverkrampft zugelassene Ausnahmen reichen meist vollauf. Und sicher schadet es nichts, wenn man sich für die Interessen der Kinder mit-interessiert, ohne den besserwisserischen Kommentar von hoher Warte anzubringen, aber auch ohne anbiedernd auf jugendlich zu machen. Vor allem aber sollte man seinen Kindern den Genuss an der Unterhaltung gönnen und nicht alles mit einer pädagogischen Absicht verknüpfen und zwecks Bewusstsseinsbildung zerreden. Sonst geht es den sogenannt wertvollen Medienerzeugnissen bald genauso wie dem gesunden Gemüse…

Das allerwichtigste aber, nennt Johannes Paul II. in seinem Schreiben gleich zweimal – und es ist bei weitem das Unbequemste: „Vor allem aber müssen Eltern durch ihren eigenen überlegten, auswählenden Umgang mit den Medien den Kindern ein gutes Beispiel geben.“

Es ist in der Tat immer wieder erstaunlich, wie sehr sich das Medienverhalten von Kindern jenem ihrer Eltern anpasst. Wenn also Eltern sich um ihre Kinder Sorgen machen, sollten sie zunächst und vor allem sich selbst unter die Lupe nehmen und allenfalls den erzieherischen Selbstversuch starten. Nur so können sie das vermitteln, was Johannes Paul II. – zu Recht – von ihnen erwartet: „Sie sind dazu aufgerufen, ihre Nachkommenschaft zu Hause im ´massvollen, kritischen, wachsamen und klugen Umgang mit den Medien´ zu schulen.“
 
 
Am Beispiel des viel gescholtenen Fernsehens – das dennoch unser Medium Nr.1 ist – lässt sich mit ein paar einfachen Regeln erklären, wie ein gesundes Medienverhalten aussieht, das sowohl lustvoll wie wachsam ist:

  1. Einen Fernseher zu besitzen ist auch für Leute mit hohem IQ keine Schande. Es ist also nicht nötig, ihn verschämt im Schlafzimmer zu verstecken. Im Gegenteil, wer in der Familie lernen will, gelöst damit umzugehen, der sollte „die Kiste“ auch für alle zugänglich machen, sollte sie ganz bewusst als Teil des Familienlebens akzeptieren. Und übrigens: Ein kleiner Fernseher ist moralisch nicht schädlicher als ein grosser, man hat nur mehr Mühe, das Gezeigte zu erkennen.
  2. Wer schon beim Fernsehgerät schwach geworden ist, dem kann auch ein Videogerät nichts mehr anhaben. Im Gegenteil, es kann wesentlich zum gezielten Fernsehkonsum beitragen.
  3. Wer seine Fernsehzeit gezielt nutzen will, sollte schon vor dem Einschalten eine Ahnung dessen haben, was ihn erwartet. Die goldene Regel heisst deshalb: Zuerst das Programm studieren – dann (vielleicht) einschalten
  4. Man kann sich auch mit einer Überdosis hochwertiger Rohkost den Magen verderben. Dasselbe gilt für wertvolle Fernsehsendungen: Fast immer läuft irgendwo ein Beitrag, dessen „Verzehr“ sich lohnen würde. Fernzusehen bedeutet deshalb immer auch, sich der Qual der Wahl zu stellen und aus dem vielen Guten das Wenige auszuwählen, was man auch verdauen kann.
  5. Wer nur dann fernsieht, wenn er für alles andere zu müde ist, der sollte sich ein bequemeres Bett kaufen – und auch benutzen.
  6. Das Fernsehen als Familienmedium in Ehren: Aber die Tagesschau ist keine Kindersendung – sie überfordert sogar die meisten Erwachsenen.
  7. Wer seine Kinder zu mündigen Fernsehzuschauern erziehen will, kommt um Mehr- und Vorarbeit nicht herum. Dazu gehört im optimalen Fall die Vorvisionierung einer Sendung. Selbst Altersempfehlungen helfen oft wenig, denn die Reaktionen von Kindern richten sich nicht nach Altersvorgaben.
  8. Fernsehen ist ein gutes Kinderhütemittel – aber nur, wenn die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern fernsehen. Erstens wird dadurch Fernsehen als ein gemeinschaftliches Erlebnis vermittelt und zweitens kann man unmittelbar auf die Kinder eingehen und weiss auch, wovon sie wochenlang erzählen.
  9. Zum gezielten Einsatz des Fernsehens gehört, dass nicht jeder Film und jede Sendung unmittelbar überlagert wird. Wo der Fernseher stundenlang läuft, gibt es keine Highlights mehr sondern nur noch Dauerberieselung.
  10. Gute Sendungen mehrmals zu sehen, ist kein Zeichen von Verblödung sondern von vertiefter Beschäftigung und Aneignung eines Stoffes. Gerade Kinder wollen ihre Lieblingsgeschichten mit gutem Grund immer und immer wieder hören und sehen. Und: Nicht nur das Wertvolle hat seine Daseinsberechtigung, sondern auch das Unterhaltsame – wer etwas anderes behauptet, heuchelt sich selbst etwas vor.

Die meisten dieser Regeln lassen sich ohne grossen gedanklichen Aufwand auf andere Medien übertragen. Immer gilt jedoch: Selbst die besten Regeln helfen nicht weiter, wenn sich die Eltern nicht als erste daran halten. Wenn sie jedoch ihr eigenes Medienverhalten in den Griff kriegen, dann gilt auch, was Johannes Paul II. in seiner Botschaft hofft: „Wenn die Eltern das konsequent und gut machen, bedeutet das eine grosse Bereicherung für das Familienleben.“

Thomas Binotto, Redaktor Pfarrblatt „forum“
th.binotto@kath.ch

Die vollständige Papstbotschaft:
http://www.mediensonntag.ch/2004/papstbotschaft.php

Mehr zum Mediensonntag:
http://www.mediensonntag.ch/2004