Schlussbericht von den 52. Internationalen Filmfestspielen in Berlin
Die 52. Ausgabe der Berlinale ist mit einer Überraschung zu Ende gegangen. Mit „Bloody Sunday“ und „Sen to chihiro no kamikakushi“ sind zwei Aussenseiter ex aequo mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Das ist symptomatisch für einen Wettbewerb, der sich auf einem beachtlichen Niveau bewegte, aus dem aber kein „Überflieger“ herausragte.
Neben „8 Femmes“ begeisterte in der zweiten Hälfte des Festivals vor allem „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen das Publikum und die Kritik. Die ohne Drehbuch nach der „Mike-Leigh-Methode“ in Frankfurt an der Oder gedrehte Tragikomödie um zwei befreundete Ehepaare auf Irrwegen glänzt mit subtilem Witz, ostdeutschem Charme und raffinierter Montage. Eine kleine Geschichte über kleine Leute mit kleinen Hoffnungsschimmern – fast schon dokumentarisch eingefangen und dennoch ein poetisches Kinovergnügen.
Es waren überhaupt die kleinen Geschichten, die am meisten überzeugten, und wenn es einen Trend zu erkennen gab, dann war das die Hinwendung zur Tragikomödie. Sobald es um die grossen politischen Stoffe ging, waren die Filme entweder halb misslungen, wie Costa-Gavras „Amen.“, der Verfilmung von Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“, oder halbgeraten wie István Szabós „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ oder dann ganz und gar missraten wie Christopher Roths „Baader“.
Dennoch wäre es verfehlt, nun über den Rückzug ins Private zu lamentieren. Aber die Politik spielte sich nicht mehr auf der grossen Weltbühne ab, sie spiegelte sich im Intimen, in den Beziehungen, in der Familie. Mögen da oberflächlich betrachtet auch Liebes- und Familiengeschichten erzählt worden sein, bei näherem Hinschauen wurde dann doch die gesellschaftspolitische Dimension sichtbar, fast beiläufig und ohne ideologisches Getöse.
Weiter fiel auf, wie behutsam die meisten Filme mit ihren Charakteren umgingen. Kaum ein Film, der seinen Figuren nicht in irgendeiner Weise die Hoffnung auf bessere Zeiten gestattete. Grosse Happy-Ends waren zwar nur selten darunter – aber eine ganze Menge von wohltuenden kleinen Lichtblicken.
Das Kino zeigte in Berlin sein menschliches Antlitz, was alleine schon einen Sonderpreis der ökumenischen Jury für den begrüssenswertesten Trend wert gewesen wäre. Man blieb dann aber im gegebenen und bewährten Rahmen: Mit „Bloody Sunday“ zeichnete man denselben Film wie die Internationale Jury aus, flankiert vom Emmigrantendrama „L´ange de goudron“ und der ethnologischen Spurensuche „E minha cara – That´s My Face“.
Bleibt zum Schluss noch, das anfänglich gewonnene Bild von Dieter Kosslick etwas zu korrigieren. Er gibt zwar gerne den Clown und manchmal übertreibt er es auch ein bisschen. Insgesamt aber hat er es verstanden, ein herzliches Festival der guten Laune auf die Beine zu stellen. Das wurde zwar fast überall so geschrieben – es stimmt dennoch. Das Publikum jedenfalls hat der Berlinale das schönste Problem beschert, das man sich wünschen konnte: Es überrannte die Organisatoren buchstäblich mit dem Drang, ins Kino zu gehen.
Thomas Binotto
