Rosie

Nach einem Schlaganfall braucht Rosie Unterstützung, und das passt der resoluten, freiheitsliebenden Rentnerin gar nicht. Ihre beiden Kinder müssen wiederholt ins St. Gallische Altstätten zurückkehren, um nach dem Rechten zu sehen und alles zu organisieren. Rosies schwuler Sohn Lorenz lebt als Autor in Berlin und ist auf der Suche nach sich selbst. Zurück im Ort seiner Kindheit erscheint ihm in Alpträumen sein verstorbener Vater, ein Profi-Boxer, der ihm immer fremd war. Ausserdem verwirrt ihn der charmante Junge von Rosies Nachbarn. Er hat alle Bücher von Lorenz gelesen, aber ist er tatsächlich nur ein Groupie? Das Verhältnis zwischen Rosie und ihrer Tochter Sophie wiederum ist angespannt. Sophie macht Rosie unterschwellig Vorwürfe, den Vater mehrmals betrogen zu haben. Und Rosie spottet über Sophies Ehemann und ihren Versuch, die Ehe mit einer Eigentumswohnung zu retten.

Marcel Gisler durchleuchtet in dem autobiografisch gefärbten und episodenartigen Film mit grosser Treffsicherheit Familienkrämpfe und zwischenmenschliche Beziehungen, ohne Klischees auf den Leim zu gehen. Das geschieht durch lebensechte Dialoge sowie verblüffende und komische Brüche. Rasch wird klar, dass die vife Seniorin Gesellschaft und Mitmenschen durchschaut. Sibylle Brunner ist grossartig als Rosie, hinter deren Sarkasmus sich zarte Gefühle verbergen – und einige Überraschungen.

Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch

«Rosie», Schweiz 2013, Regie: Marcel Gisler; Besetzung: Sibylle Brunner; Fabian Krüger; Sebastian Ledesma; Verleih: Look Now! Filmdistribution Zürich, http://www.looknow.ch

Kinostart: 30. Mai 2013