Rosetta
„Rosetta“, das von Lebenskraft besessene tapfere Mädchen, kämpft mit spröder Energie ums Überleben. Eine unter die Haut gehende Handkamera lässt uns ihre Angst, ihren Zorn und ihre Hoffnung unmittelbar nachvollziehen. Die Brüder Dardenne sowie die Hauptdarstellerin Emilie Dequenne gewannen für diesen starken und zugleich mutigen Film 1999 in Cannes die „Goldene Palme“.
Sie ruht nie. Und da gibt es wirklich nichts, was sie halten könnte; nicht das Leben, nicht ihre alkoholkranke Mutter – geschweige denn die Kamera, die ihr unruhig folgt und sie in einen Rahmen zu zwängen versucht. Rosetta (Emilie Dequenne) führt einen nervenaufreibenden Krieg. Immerzu mit sich selbst und vor allem gegen die Anderen: Aktiviert von der Obsession, endlich Arbeit zu finden, rennt die junge Frau mit fast schon animalischer Energie gegen eine Gesellschaft an, die eigentlich keinen Platz für sie hat. Rosetta will „raus aus diesem Loch“, wie sie immer wieder betont, „einfach nur einen normalen Alltag leben“. Und dafür ist sie bereit, alles zu tun.
Noch bedingungsloser als bei ihrem letzten Spielfilm „La promesse“ (1996) haben sich Luc und Jean-Pierre Dardenne thematisch in die menschliche Misere gestürzt. „Rosetta“ weist jegliche Schwärmerei, jegliche Romantik zurück. Erschreckend authentisch wirkt der mutige Film – stilistisch in vieler Hinsicht jenen Geboten entsprechend, die Thomas Vinterberg und Lars von Trier 1995 in ihrer Dogma-Erklärung formuliert haben. „Wir weigern uns, eine klare Hierarchie zwischen den beiden Gattungen zu etablieren. Der Reichtum der Fiktion liegt doch in ihren dokumentarischen Aspekten. So prägen übrigens auch jene Menschen, die wir einst in Dokumentarfilmen porträtiert haben, unsere fiktiven Charaktere wesentlich mit“, erklären die beiden belgischen Filmemacher.
Das vertrackte Zusammenspiel von Fiktion und vermeintlicher Realität beschwört schliesslich ein kleines Universum herauf, das sich für Rosetta als veritablen Passionsweg entpuppt. Die junge Frau, noch halb Kind und doch des Lebens müde, haust in einem alten Wohnwagen. Ein paar ausgelatschte Gummistiefel sind ihr wichtigster Besitz. Der Weg ins nahe gelegene Städtchen führt sie durch einen Moorwald und über eine stark befahrene Strasse – ein Spiessrutenlauf. Schnell begreift man: Hier geht es vorderhand nicht ums Leben, sondern ums Überleben. Es sind nicht die nächsten zwanzig Jahre, die zählen, sondern einzig der Augenblick.
„Rosetta“ zeigt sich ganz ohne Pathos und demonstrative Metaphorik. Über starke Bilder, die jedoch nie zu viel vorweg nehmen und so das Kino im Kopf beflügeln, schlüsseln die Dardennes ihre Filmfigur auf. Die unbändige Kraft, die dabei von der Hauptdarstellerin Dequenne ausgeht, korrespondiert auch mit dem sperrigen, äusserst klever ausgearbeiteten Ton und einem ihm entsprechenden Bildschnitt. Zusammen finden diese Ingredienzen zu einem treibenden Rhythmus, der unter die Haut geht. Die Kamera lässt jedoch nicht von Rosetta ab, die irgendwie erreicht, was sie sich so sehr gewünscht hat – ja, und nicht einmal dann glücklich ist. Stattdessen trägt ihr schwerer Körper das Gewicht der grausamen Realität weiter. Und doch ruht sie nie. Denn still zu bleiben heisst, zu sterben beginnen.
Sandra Walser
„Rosetta“, Belgien 1999, Regie: Luc und Jean-Pierre Dardenne
Film des Monats Februar 2000
