Preis der Ökumenischen Jury in Locarno

(medientipp) «Paradise» heisst der Preisträger der Ökumenischen Jury am 68. Filmfestival Locarno. Die lobenden Erwähnungen der Jury gingen an den italienischen Film «Bella e perduta» und an «Right Now, Wrong Then» von Hong Sangsoo aus Südkorea. 

Catherine Wong, die Präsidentin der Ökumenischen Jury aus Hong Kong, zeigte sich sehr beeindruckt von der Filmauswahl in Locarno: «Ich bin sehr überzeugt von der Bandbreite der Filme. Wir hatten in der Jury rund zwölf Filme, die wir ausführlich diskutiert haben. Insbesondere die asiatischen Filme haben einen starken Eindruck hinterlassen.»

Der sozial engagierte und mit einem genauen Blick ausgestattete Regisseur Sina Ataeian Dena überzeugte die sechsköpfige Jury schliesslich mit seinem Erstlingswerk «Ma dar Behesht» (Iran, Deutschland 2015). Mit dem englischen Titel «Paradise» ist die Ambivalenz des Films jedoch nicht eingefangen; handelt es sich doch keineswegs um einen Zustand des grössten Glücks. Vielmehr geht es im Film um strukturelle Gewalt, die vor allem Frauen und Mädchen trifft.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die 24-jährige Primarlehrerin Hanieh, die zum Mittelstand in Teheran gehört. Sie arbeitet in einem trostlosen Vorort und muss jeden Tag einen langen Arbeitsweg zurücklegen. Deshalb möchte sie sich ins Zentrum der Stadt transferieren lassen. Doch ihr Antrag steckt irgendwo in der Administration fest. Als sie eines Tages in der Schule ankommt, werden zwei Mädchen vermisst, die womöglich entführt wurden. Angesichts dieses Ereignisses werden die Probleme der jungen Lehrerin belanglos.

«Ein starker, mutiger Film»

Der Film, der unter erschwerten Bedingungen heimlich gedreht wurde, konzentriert sich auf Alltagsszenen in der Schule, die Rolle der Lehrerin und der Schulleiterin, die beide Teil des Systems sind; zudem auch auf die kleinen Fluchten der Hauptfigur. Wie der Regisseur die Mechanismen der institutionellen Gewalt offen legt ist beeindruckend. Die Jury begründete die Vergabe des Preises an den Film wie folgt: «Ein starker, mutiger iranischer Film über das tägliche Leben von Hanieh, einer jungen Lehrerin an einer Primarschule in den südlichen Vororten von Teheran. Dank spärlichen Freiheitsmomenten lassen sich trotz der einschnürenden Verhältnisse, welche iranische Frauen erdulden müssen, Hoffnungszeichen erahnen.»

Der Preis der Ökumenischen Jury ist mit einer Verleihförderung von 20’000 Franken verbunden, die von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet wird. Dank der Förderung wird «Paradise» voraussichtlich im ersten Quartal 2016 vom Verleiher Filmcoopi in die Schweizer Kinos gebracht.

Mit einer lobenden Erwähnungen für «Bella e perduta» von Pietro Marcello (Italien 2015) und «Right Now, Wrong Then» von Hong Sangsoo (Südkorea 2015) signalisiert die Ökumenische Jury, wie reichhaltig und ergiebig der internationale Wettbewerb von Locarno war. Vor allem der Südkoreaner Hong Sangsoo ist mit einem Goldenen Leoparden für den besten Film und einem silbernen Leoparden für den besten männlichen Darsteller der grosse Gewinner von Locarno.

Charles Martig, Filmjournalist Katholisches Medienzentrum
charles.martig@kath.ch

 

Mitglieder Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno 2015

Catherine Wong, Hong Kong (Präsidentin); Martin Ernesto Bernal Alonso, Argentien; Gaëlle Courtens, Italien; Franz-Xaver Hiestand, Zürich; Ola Sigurdson, Schweden; Thomas Wipf, Schweiz