Plakativ und attraktiv
Die katholische Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch in Basel-Land hilft der Mund-zu-Mund-Propaganda nach: Seit Ende November prangt von Wänden und Ständern das erste Plakat einer siebenteiligen Reihe, mit welcher die Ortskirche für sich selbst wirbt. Dabei kommen Themen wie Homosexualität oder Empfängnisverhütung auf brisante Art zur Sprache.
Nach drei Jahre konventioneller kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit wollte die Arbeitsgemeinschaft „Zukunft Kirche“ der Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch den grossen Wurf landen: Sie plante eine lokale Kampagne, welche ihre Ortskirche ins Gespräch bringen sollte. Um das Ganze kirchlich unbelastet zu halten, vergab man den Auftrag ohne thematische Vorgaben an die Basler Werbeagentur „Lucky Lack“. Diese ermittelte in einer Strassenumfrage, was den Passantinnen und Passanten zum Thema „Kirche“ einfällt. Die häufigsten Antworten wurden in die Plakatserie aufgenommen.
Herausgekommen ist eine für kirchliche Verhältnisse ungewöhnliche Werbeaktion. Die sieben Plakate der Kampagne sind je zweigeteilt. Die obere Hälfte ist jeweils weiss und steht entweder für Jerusalem, Bethlehem, das Paradies oder Rom. Die untere ist schwarz, sie steht für Allschwil. So zeigt das Plakat zum Frauentag eine Frau; in Rom mit Hörnern, in Allschwil ohne solche. Das Plakat zum Thema Verhütung verpasst Rom einen Ehering, Allschwil ein Präservativ. Und in einem dritten Plakat zeigt sich die Allschwiler Ortskirche mit den von Rom diskrimierten Schwulen und Lesben solidarisch.
Kirche wie Zahnpasta verkaufen
Mit dieser Kampagne wird Kirche verkauft wie jedes andere Produkt auch. Das nimmt Werber Patrick Lack in Kauf: „Die Kirche geniesst bei einem Grossteil der Bevölkerung nicht mehr Rückhalt und Vertrauen als eine Firma. Man muss den Leuten zuerst einmal glaubhaft machen, dass die Kirche Themen anspricht, die auch sie beschäftigen. Erst danach kann man Angebote machen.“
Damit die Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch sich die vergleichsweise aufwändige Kampagne leisten konnten, hat Lack der Arbeitsgruppe mit einem Jahresbudget von Fr. 20´000 einen Preis weit unter dem branchenüblichen gemacht. Aber auch er brachte seine Schäfchen ins Trockene. Zur Pressekonferenz, welche die Kirchgemeinde zur Lancierung der Plakataktion veranstaltete, lud Lack auch „Facts“ ein. Die Zeitschrift brachte prompt einen Bericht und druckte Lacks Plakatsujets ab.
Der „Facts“-Artikel brachte Aufregung nach Allschwil-Schönenbuch. Doch nachdem die Arbeitsgemeinschaft daraufhin an einer Kirchgemeindeversammlung über die Absichten der Kampagne informiert hat, haben sich die Gemüter beruhigt. „Unser Ziel ist nicht, uns durch Abgrenzung gegen Rom sympathisch zu machen“, sagt Pfarrer Büchi von „Zukunft Kirche“. „Die Themen, die auf den Plakaten zur Sprache kommen, werden in unserer Pfarrei immer wieder diskutiert, schliesslich gehören zu unserer Gemeinde auch geschiedene und homosexuelle Menschen. Die Plakate sollen zeigen, dass wir für sie Position beziehen.“
Bestehende Verhältnisse abbilden
Pfarrer Büchi betont, dass die Aktion nicht etwa nur ein PR-Gag ist: „Die Kampagne soll zeigen, wie die Verhältnisse bei uns sind, und nicht, wie sie sein könnten. Wir sind beispielsweise seit mehreren Jahren daran, neue Gottesdienstformen zu finden. Und obwohl wir noch einen Priester haben, leitete eine Frau während sechs Jahren eine unserer Pfarreien.“ Mit der Kampagne erhalte dieser Prozess der Suche neue Impulse. „Wir wissen nicht, was mit dem nächsten Plakat im Dorf passiert. Vielleicht brauchen wir mehr Begleitanlässe, um die aufgeworfenen Themen zu diskutieren.“
Bischof Koch hat sich zur Allschwiler Plakatreihe bisher nicht geäussert. Generalvikar des Bistum Basels, Rudolf Schmid: „Die Kirchgemeinde muss die Verantwortung für ihre Aktion selbst wahrnehmen“. „An sich“ sei es in Ordnung, zu provozieren. Das Hin und Her in der Frage, ob die Kampagne gegen Rom gerichtet sei oder nicht, zeige aber, dass die Plakate ihre Botschaft nicht klar vermitteln können. Schmid weiter: „Die Plakate sprechen Themen an, die den Einzelnen betreffen. Ich frage mich, ob eine bewusste Provokation im öffentlichen Raum die Auseinandersetzung der Einzelnen damit fördert.“
Parallel zu kantonaler Kampagne
Die Allschwiler Kampagne startete just zum Zeitpunkt, als in Basel-Land eine zweite, kantonale und ökumenische Aktion lanciert wurde. Mit Kleinplakaten wirbt diese in öffentlichen Verkehrsmitteln für die neu eingerichtete Helpline und die neue Internetseite der drei Kantonalkirchen. Die Helpline und das Internet-Angebot informieren rund um die Uhr über die Dienstleistungen der Kirche, von Taufe über Konfirmation bis zur Eheberatung. „Damit wir mit den Leuten in Kontakt kommen, haben wir ein niederschwelliges Angebot geschaffen. Die Plakate verweisen Interessierte direkt an die richtige Stelle“ erklärt Jörg Ferkel von der reformierten Kirche Basel-Land.
In ihrer Erscheinungsform und mit der Angebotewerbung kommt die Aktion eher konventionell daher. „Wir können nicht einfach peppig im ganzen Kanton verkünden: ?Wir sind für sie da. Ihre Kirche´“, sagt Jörg Ferkel. „Dafür ist das Zielpublikum zu breit, und es kann nicht garantiert werden, dass jede Ortskirche das Versprochene auch einlöst.“
Unterschiedliche Paradigmen
Die provozierenden Plakate der Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch auf der einen, die eher traditionell daher kommende Aktion der Basler Kantonalkirchen auf der anderen Seite. – Die beiden Kampagnen zeigen zwei unterschiedliche Möglichkeiten auf, kirchliche Öffenlichkeitsarbeit zu betreiben. Die kantonale Kampagne spricht sowohl Leute an, die regelmässig den Gottesdienst besuchen, als auch solche, die mit der Kirche nichts am Hut haben. Sie wirbt mit neugeschaffenen kirchlichen Dienstleistungen und stösst niemanden vor den Kopf. Die Aktion der Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch dagegen will über Reizthemen, die sowohl in der öffentlichen Rede über Kirche als auch in der eigenen Gemeinde oft zur Sprache kommen, Aufmerksamkeit erlangen. Sie provoziert bewusst.
Eines aber muss sich weisen: ob es der Gemeinde Allschwil-Schönenbuch gelingt, das mit ihrer Werbung gemachte Versprechen einer offenen und modernen Kirche auch wirklich einzulösen.
Philipp Zimmermann
Der Autor studiert reformierte Theologie an der Universität Zürich und ist Redaktor bei „NERV“, dem Jugendbulletin der Reformierten Presse
Die Plakatsujets der beiden Kampagnen können hier heruntergeladen werden.
http://www.zoom.ch/tip/medien/bilder.htm
