Oh Boy

Er erinnert an François Truffauts Antoine-Doinel-Figur, der Anti-Held in Jan Ole Gersters aussergewöhnlichem Filmdebüt, das zugleich ein fein ironisches Porträt des Berliner Lebens ist. Selbst unter Menschen wirkt Niko einsam, und oft scheint es, als wisse er nicht recht, wie ihm geschieht. Vor zwei Jahren hat er sein Studium hingeschmissen, jetzt dreht ihm der Vater den Geldhahn zu. Unbeirrt lässt sich Niko weiter dahintreiben, ohne selbst bestimmen zu wollen. Er sucht den Kontakt zu anderen nicht bewusst, dennoch kommt es ständig zu unangenehmen und schrägen Begegnungen, etwa mit einem fiesen Arzt oder frustrierten U-Bahn-Kontrolleuren.

Manche Menschen vertrauen Niko alles an, und der hört – meist unfreiwillig – zu, weder teilnahmslos noch mitfühlend. Da gibt es einen gescheiterten Schauspieler oder eine ehemalige Schulkollegin, die früher übergewichtig war, jetzt aber in kuriosen Art Performances mitspielt. Und da gibt es den Nachbarn, der eine Schüssel scheusslicher Fleischbällchen vorbeibringt oder eine alte Frau, die zufrieden in ihrem verstellbaren Sessel sitzt, während ihr Enkel in seinem Zimmer seine Dealer-Geschäfte abwickelt. Ob in höchst amüsant bissigen oder in berührenden Momenten; der Ton des Films ist stets natürlich leicht und ungekünstelt. Die schwarz-weissen Bilder tragen zu diesem Understatement bei und verleihen der episodenartigen Berlin-Komödie einen literarisch-poetischen Anstrich.

Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch

«Oh Boy», Deutschland 2012, Regie: Jan Ole Gerster; Besetzung: Tom Schilling, Friederike Kempter, Marc Hosemann; Verleih: Filmcoopi Zürich, http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://www.ohboy.x-verleih.de

Kinostart: 10. Januar 2013