Ökumenischer Preis für „Agua“
Die Ökumenische Jury zeichnete „Agua“ der argentinischen Regisseurin Verónica Chen am Filmfestival in Locarno aus. Der dotierte Preis fördert die Lancierung des Filmes für ein grösseres Publikum in Kino und Fernsehen. Das Familiendrama „Le dernier des fous“ erhielt von der Ökumenischen Jury eine lobende Erwähnung. Neben Adoleszenzgeschichten, die den internationalen Wettbewerb prägten, setzten sich zwei Schweizer Dokumentarfilme eindrücklich mit dem Sterben in Würde auseinander.
Die Jury hat „Agua“ wegen seines meditativen Rhythmus und seiner ethischen Perspektive gewählt. Verónica Chen wird ausgezeichnet „für die künstlerische Qualität und die Universalität der Geschichte von ´Agua´. Der Rhythmus der Schwimmbewegungen und die Omnipräsenz des Wassers unterlegen den Film mit einer meditativen Dimension. Hier finden zwei Männer verschiedenen Alters zu sich selbst. Der Film ermutigt zum Verzicht auf das Gewinnen um jeden Preis und zu Zivilcourage im Alltag. „Agua“ handelt von der gescheiterten Schwimmkarriere des 34-jährigen Goyo. Aufgrund eines Dopingskandals hat er sich in die Wüste zurückgezogen und jegliche Bindung an sein früheres Leben aufgegeben. Acht Jahre später kehrt er zurück, um wiederum am argentinischen Schwimmmarathon von Santa-Fe-Coronado teilzunehmen. Er trifft dabei auf Chino, einen 20-jährigen Nachwuchssportler. Chino scheitert an der Qualifikation zur Aufnahme in das nationale Kader. Goyo erkennt sich in Chinos Enttäuschung und bietet ihm an, beim Marathon sein Bootsbegleiter zu sein. „Agua“ ist das Abenteuer von zwei Männern, die ihre physischen und psychischen Grenzen ausloten wollen. Im Kampf gegen das Wasser gilt es, den inneren Widerstand zu überwinden und mit tief sitzenden, verdrängten Ängsten fertig zu werden. Gefangen in ihren Ansprüchen und Lebenssituationen, sind sie unfähig miteinander zu kommunizieren. Das Wasser wird zum Medium des Austauschs und das Schwimmen zu einem existentiellen Exerzitium. Beide werden durch diese Begegnung existentiell berührt. Die Regisseurin bringt das Wasser zu einem spektakulären Ausdruck, spielt mit dem Ton und wirft einen intensiven Blick auf die beiden Männer, indem sie auf den Details ihrer Körper verharrt. Am Schluss steht die Geburt des Kindes von Chino. Der junge Mann hat eingesehen, dass Erfolg im Leistungssport nicht nur durch harten Kampf mit sich selbst erreicht wird. Sein Sinn für die soziale Verantwortung – im Sinne einer Work-Life-Balance – ist geweckt.
Anspruchsvolle Filme in die Schweizer Kinos bringen
Der Ökumenische Preis ist zum dritten Mal mit 20´000 Franken dotiert und an die Filmdistribution in der Schweiz gebunden. Das Preisgeld wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz zur Verfügung gestellt. Angesichts der Tatsache, dass viele Filme den Weg vom Filmfestival auf die Kinoleinwand oder ins Fernsehen nicht finden, unterstützt der Preis vor allem Filme, die wenig Chancen zur Auswertung haben. Der Film „Yasmin“ (Preisträger Locarno 2004) hat durch das Preisgeld seine Auswertung in den Schweizer Kinos und im Schweizer Fernsehen im Jahr 2006 erfahren. Gerade auch ein Film wie „Agua“, der wenig Chancen auf eine kommerzielle Auswertung im Kino hat, braucht die Verleihförderung, um auch ausserhalb des Filmfestivals Locarno sein Publikum zu finden.
Die Ökumenische Jury hat zudem den französischen Film „Le dernier des fous“ mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet. Der Film fand bei der Jury Anklang durch seine konsequente Gestaltung. Der Film von Regisseur Laurent Achard (Frankreich/Belgien) überzeugte die Jury mit seiner radikalen Vision, die „die totale Abwesenheit von Hoffnung und Liebe denunziert.“ Der Film erzählt aus der Perspektive eines zehnjährigen Kindes, das unter schweren Verlustängsten leidet. Der Film erhielt auch den Preis für die beste Regie.
Adoleszenzdramen
Wichtiger Schwerpunkt des Wettbewerbs bildeten Geschichten über Adoleseszenz und Kindheit. Nachhaltig wirken Filme wie die italienische Strafvollzugsgeschichte „Jimmy della Collina“, der mit stark subjektiven Bildern die Erlebniswelt eines Jugendlichen zeigt. Die amerikanischen Independent-Produktionen „Half Nelson“ und „Stephanie Daley“ leben vom starken Schauspiel Jugendlicher. Pubertierende Mädchen setzen sich hier intensiv mit Burn-Out und Drogensucht von Lehrern oder mit frühzeitigem Abort auseinander. Strittig, aber auch spannungsreich, ist der britische Beitrag „The Live of the Saints“. Hier taucht wie durch ein Wunder der verschollene Sohn einer Kellnerin als ein von Gott geschickter Engel auf, bringt Unruhe und Chaos. Vor allem die Gewaltdarstellung im Kontext dieser religiösen Konnotation hat für Diskussionen gesorgt. Auch im Film von Andrea Staka „Das Fräulein“ – ausgezeichnet mit dem Goldenen Leoparden – ist es eine junge Frau aus Sarajewo, die das Leben der titelgebenden Kantinenbetreiberin in Schwung bringt. Sie leidet jedoch an Leukämie und ringt dieser Krankheit ein Leben-im-Hier-und-Jetzt ab.
Memento mori
Das Sterben vor der Kamera ist ein fragiles und ästhetisch anspruchsvolles Unterfangen. Zwei Schweizer Dokumentarfilme setzen sich explizit mit Sterbebegleitung auseinander. In „Zeit des Abschieds“ ist es der schwerkranke Giuseppe Tommasi, der im Zürcher Lighthouse seine letzten Monate verbringt. Der Film des befreundeten Regisseurs Mehdi Sahebi soll dazu beitragen, einen würdevollen Abschiedsbrief zu formulieren. Vom trotzigen Humor, des vom Krebs zerfressenen Giusi, bis zu seinem Tod vor der Kamera ist es ein beschwerlicher und intensiver Weg. Der Film zeigt vor allem auch die Groteske von lebensverlängernden Massnahmen. Sahebi gewann mit seinem Porträt den Preis der Kritikerwoche in Locarno.
„Exit – Le droit de mourir“ (Exit – Das Recht auf Sterben) von Fernand Melgar zeigt die Arbeit von Freiwilligen in der aktiven Sterbehilfe. Die Schweiz ist das einzige Land weltweit, in dem Organisationen wie Exit todkranke Menschen legal beim Sterben unterstützen können. Der Film gibt Einblick in Gespräche mit Sterbewilligen. Verschiedene Sequenzen zeugen von der Fähigkeit des Regisseurs, die Realität in poetischen Bildern einzufangen. Der Film war bereits an zahlreichen Festivals zu sehen und hat nachhaltige Diskussionen über die aktive Sterbebegleitung ausgelöst.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
Links:
Interview mit der Regisseurin Verónica Chen
Begründungen der Ökumenischen Jury
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,3&meid=62999
Interview mit Maggie Morgan, Mitglied der Ökumenischen Jury
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,4&meid=62916
Interview mit Charles Martig (Radiobeitrag von kath.ch)
http://www.kath.ch/index.php?&na=11,0,0,0,d,63079
Arbeit der Ökumenischen Jury:
http://www.kirchen.ch/filmjury
Offizielle Festivalwebsite:
http://www.pardo.ch
