Miraggio

Als der Westafrikaner Issa nach einer zehnjährigen Odyssee endlich das europäische Festland erreicht, glaubt er, dass hier alles besser wird. Doch in Italien ist er obdach- und arbeitslos und kann kein Geld nach Hause schicken, um seine Familie zu unterstützen. In der Heimat verliert er sein Gesicht, in Europa seine Würde. Mit anderen afrikanischen Flüchtlingen schläft er auf den Strassen Roms. Drissa und Sekou warten derweil in italienischen Asylzentren auf eine Aufenthaltsgenehmigung, während Bubu gezwungen ist, ständig die Jobs zu wechseln. Alassana lebt als Sans-Papier dafür in steter Angst in einem improvisierten Flüchtlingslager vor den Toren Roms. Sie alle haben zwar ihre traumatische Flucht überlebt, doch sind immer noch nirgendwo angekommen. Das wird ihnen tagtäglich vor Augen geführt, in der Schlange vor dem Migrationsamt, während dem Zähneputzen am Hydranten und als das selbst errichtete Zeltlager von Baggern zwangsgeräumt wird. Regisseurin Nina Stefanka ist ein eindringliches und sehr persönliches Porträt junger Männer gelungen, die alles für ein besseres Leben riskiert haben, nur um dann in der Schwebe festzusitzen. Die zermürbende Situation des Wartens wird auch auf der Bildebene transportiert, indem die Kamera minutenlang auf Gesichtern ruht oder auf Zelten, die dem Wind nicht standhalten können. «Mirragio» schmerzt ob seiner Tristesse – und das muss so sein. Damit der europäische Umgang mit geflüchteten Menschen hinterfragt wird und sich etwas ändern kann.

Sarah Stutte, Filmjournalistin

«Miraggio», Schweiz 2020, Regie: Nina Stefanka, Verleih: First Hand Films, Filmwebseite

Kinostart: 9. Dezember 2021, Spezialvorführungen am Tag der Menschenrechte, 10. Dezember