Mia eoniotita ke mia mera (L’éternité et un jour)
Für den alt gewordenen, schwerkranken Schriftsteller Alexander (Bruno Ganz) ist der nasskalte Tag in der nordgriechischen Stadt Saloniki ein Tag des Abschieds. Er verlässt sein Haus am Meer, in dem er seit seiner Jugend gelebt hat, weil er sich ins Spital begeben muss. Er weiss, dass er daraus lebendig nicht mehr zurückkehren wird. Als er seinen Hund seiner Tochter bringt, übergibt ihm diese einen vor dreissig Jahren an ihn gerichteten Brief seiner Frau Anna (Isabelle Renaud), seit deren Tod er nur noch an einem unvollendeten Werk gearbeitet hat. Die Erinnerungen an sein früheres Leben, werden durch den Brief verstärkt und begleiten ihn fortan auf seinen Wanderungen durch die trübe Atmosphäre der Stadt.
Der Tag, an dem Anna den Brief geschrieben hatte, war der Festtag gewesen, an dem die ganze Verwandtschaft kam, um die Geburt ihrer Tochter zu feiern. Nur der Ehemann und Vater fehlte, der nur an sein Buch dachte. Der von Anna im Off gesprochene Brief konstrastiert mit der sonnenhellen, heiteren Szenerie im Haus und am Meer, denn Anna beklagt ihre unerfüllten Erwartungen, seine Distanz, die er nie habe überwinden können. Wie an anderen Stellen des Films sagt hier der Ton etwas anderes, als die Bilder zeigen. Angelopoulos erweist sich wie schon in früheren Filmen als ein Virtuose der Rückblenden, durch die er Gegenwart und Vergangenheit verknüpft und die eine in der andern spiegelt. Und mit den sachten, immens ruhigen Kamerabewegungen verlangsamt Angelopoulos gleichsam die Zeit, um Raum zu schaffen für Gedanken, Gefühle und Stimmungen, die Alexander begleiten, wenn er eine Bilanz seines Lebens zieht, in dem „alles nur Plan geblieben ist“.
Aber Alexander begegnet an diesem Tag des Abschieds nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft in der Gestalt eines namenlosen kleinen Jungen (Achilleas Skevis), der aus Albanien geflohen ist und mit anderen entwurzelten Jugendlichen in Saloniki zu überleben versucht, indem sie den vor Rotlichtern stehenden Autos die Scheiben reinigen. Als Alexander im Rückspiegel sieht, wie die Polizei eine Razzia auf die Jungen macht, lässt er den schmächtigen Kleinen einsteigen. Er kann den Buben aber nicht zum Sprechen bringen und lässt ihn laufen. Später begegnet er ihm wieder und er beginnt, sich um den Jungen zu kümmern. Er kann ihn zum Sprechen bringen und gewinnt sein Vertrauen. Schliesslich lässt er ihn im Hafen wie einen kleinen Jonas in den Bauch einer Fähre steigen, die ihn irgendwo an Land setzen wird, damit er seinen eigenen Lebensweg unter die Füsse nehmen kann. So bekommt Alexanders Leben am Ende seiner Tage einen Sinn. „Das Kind repräsentiert die Hoffnung und die Kontinuität des Lebens, das grösser ist als wir selbst“ (Angelopoulos).
Alexander hat dem Jungen die Geschichte von einem Dichter im letzten Jahrhundert erzählt, der aus dem Exil wieder in sein Land zurückgekehrt ist, aber bei den Leuten zuerst Worte kaufen musste, um wieder in seiner Muttersprache schreiben zu können. Und der kleine Junge hat im Hafen Menschen angesprochen und ist mit drei Worten zurückgekommen, die er Alexander schenkt. Diese drei Worte in einem griechischen Dialekt sind für den alten Dichter ebenso gültig wie für das Kind. Das erste bezeichnet einen Trieb auf dem Wipfel eines Baumes: Der im Erdreich der Sprache wurzelnde Dichter ist ausgespannt in eine andere Wirklichkeit, und der Knabe ist die eine unbekannte Zukunft enthaltende Knospe. Das zweite bedeutet „viel zu spät“: zu spät für Alexander, als er erkennt, dass er es nicht verstanden hat, jene Frau zu lieben, die ihn geliebt hat, und für den Knaben zu spät, der nicht mehr ändern kann, in einer Welt leben zu müssen, in der Kinder verfolgt und verkauft werden. Das dritte schliesslich bedeutet „fremd auf Erden“: Alexander gehört bald nicht mehr zur Welt der Lebenden, und der Junge kann darin seinen Platz nur unter grossen Schwierigkeiten finden.
Franz Ulrich (gekürzt)
„Mia eoniotita ke mia mera“ (L´éternité et un jour), Griechenland/Frankreich/Italien 1998, Regie: Theo Angelopoulos
Film des Monats Dezember 1998
