Mein Gott. Dein Gott. Kein Gott
Die sechsteilige von „Sternstunde Religion“ produzierte Dokumentarfilmreihe „Mein Gott. Dein Gott. Kein Gott“ widmet sich dem Umbruch der Religionslandschaft Schweiz. Sie rückt Menschen aus den wachsenden religiösen Gemeinschaften – Freikirchen, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Migrationskirchen – sowie „Gottlose“ ins Zentrum. Am Sonntag, 30. August wird die erste Dokumentation „Jesus, ich ha Dich mega gern“ über Freikirchen in der Schweiz ausgestrahlt
Der erste Film der Reihe porträtiert eine junge Frau, die eine Freikirche in Winterthur besucht, sowie ein Ehepaar aus Bern, das Mitglied einer traditionellen Täufergemeinde ist. Die Freikirchenhochburg Winterthur steht stellvertretend für die jungen und charismatischen Freikirchen, die der evangelischen, aber auch der katholischen Landeskirche ihre Mitglieder abwerben. Im härter werdenden Wettbewerb um die Kirchengänger setzen Freikirchen wie die porträtierte „Gemeinschaft für Christen Chile Hegi“ auf die Jungen.
„Mit Jesus, ich ha Dich mega gern“, beginnt der Laienprediger seinen Gottesdienst. Es wird Mundart gesprochen, die traditionellen Kirchenlieder mussten englischen oder Mundartsongs weichen, die von einer Band vorgetragen werden. Der Gottesdienst ist hier ein Event. Der Prediger greift bei seinem Vortrag auf Beamer und Powerpoint-Folien zurück, der Gottesdienst kann anschliessend auf der Internetseite der Kirche als Podcast heruntergeladen werden. Die Jugendarbeit ist sehr präsent: Es gibt Jugendgruppen, die sich im sogenannten „Hauskreis“ bei sich zu Hause über Glaubensfragen austauschen. Organisierte Ferien oder andere Freizeitangebote decken alle Wünsche der Mitglieder ab.
Gemeinsam haben alle Freikirchen, dass sie unabhängig, also „frei“ vom Staat sind und sich selber tragen müssen. Ausserdem werden die Kinder nicht getauft, sondern „eingesegnet“. Sie können sich als Teenager oder Erwachsene frei entscheiden „ob sie den Weg mit Jesus gehen wollen“. So auch in der Evangelischen Täufergemeinde Bern. Seit Jahrhunderten praktizieren die Täufer die Erwachsenentaufe und wurden darum in Zeiten der Reformation verfolgt. Die Neutäufer hingegen können ihren Glauben frei ausleben und orientieren sich zunehmend an anderen, weniger traditionellen Freikirchen wie derjenigen aus Winterthur. Auch in den Täufergemeinden gibt´s eine Band, die den Gottesdienst musikalisch untermalt, und auch hier treffen sich die Gläubigen in Hauskreisen, wo eine Bibelstelle ausgelegt oder über die letzte Predigt diskutiert wird. Formal sind der Gottesdienst und das Angebot in Freikirchen modern und dynamisch, inhaltlich aber orientieren sich die Gedanken und Leitsätze, die hier transportiert werden an sehr traditionellen Mustern: Der Teufel verführt die Menschen und versucht, so viele wie möglich auf seine Seite zu ziehen. Sex vor der Ehe kommt nicht in Frage und der Evolutionstheorie kann nichts abgewonnen werden.
Beiden porträtierten Freikirchen, ob jung oder traditionell, ist gemeinsam, dass sie nach innen einen starken Zusammenhalt haben, nach aussen aber geschlossen und wenig offen für liberale Ideen sind. So wird die Bibel nicht als Textsammlung aus sehr vielen verschiedenen Quellen gesehen, die in ihren historischen Kontext gesetzt und bildhaft verstanden wird. Christen, die eine Freikirche besuchen, neigen dazu, beispielsweise die Schöpfungsgeschichte wörtlich auszulegen. Das Universum wurde in sechs Tagen geschaffen – Glauben und Evolutionstheorie schliessen sich so zwangsläufig aus.
Die Dokumentation porträtiert auf sehr direkte Art und Weise zwei Freikirchen, die mehr Gemeinsames als Trennendes haben. Die Gedanken und Sichtweisen der Porträtierten kommen sehr authentisch und nah an den Betrachter heran. Manchmal wünscht sich der kritische Beobachter fast mehr Distanz, wenn beispielweise die Pflicht, andere zu Missionieren besprochen und in die Tat umgesetzt wird. Wenn dem Dokumentarfilm etwas entgegengehalten werden kann, dann vielleicht die Ausblendung der Schattenseiten vom Leben in einer Freikirche. Der starke Zusammenhalt nach innen lässt Gleichgesinnte zwar näher rücken, setzt Andersdenkende aber auch einem starken sozialen Druck aus. Kritische Fragen werden in der Dokumentation zwar gestellt, aber nur am Rande, und den Positionen der Freikirchen wird keine Alternative gegenübergestellt.
Joël Frei
joel.frei@medientipp.ch
„Streng religiöse Lehrer an der Volksschule?“ SF1, 10.30 Uhr
Im Anschluss an die Dokumentation über die Freikirchen folgt eine Diskussion: Wird das Klassenzimmer zur Bibelschule? Wie gehen religiöse Lehrpersonen damit um, dass sie im Unterricht Themen behandeln müssen, die ihren Glaubensüberzeugungen widersprechen? Und vor allem: Wie geht die an säkulare Prinzipien gebundene Volksschule mit diesen Lehrern um?
Alle Filme der Reihe „Mein Gott. Dein Gott. Kein Gott“ sind ab Oktober exklusiv im Medienladen erhältlich.
http://www.medienladen.ch
| Weitere Sendungen der Serie „Mein Gott. Dein Gott. Kein Gott“ Ohne Gott kein Zwang: Sonntag, 13. September, 10.00 Uhr Leben ohne Gott und Glauben: Eine wachsende Zahl von Menschen in der Schweiz ist konfessionslos. Sie negieren die Existenz eines Gottes, oder fragen nicht danach. Der Film porträtiert drei konfessionslose Menschen mit unterschiedlichen Haltungen: Der kämpferische Immunologe Beda Stadler, Reta Caspar, Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung und die Studentin Olga Riniker. Die fremden Nachbarn: Sonntag, 27. September, 10.00 Uhr Ringen mit Gott und den Menschen: Sonntag, 11. Oktober, 10.00 Uhr Buddha, Shiva und die Erleuchtung: Sonntag, 25. Oktober, 10.00 Uhr Jesus integriert: Sonntag, 8. November, 10.00 Uhr Sternstunde Religion |
