Medusa
«Versprichst Du, Jesus in dein Herz aufzunehmen und eine hingebungsvolle, tugendhaft Frau zu werden, die dem Herrn gehorsam ist?», fragt eine der Maskierten das schluchzende Opfer, während eine andere Maskierte die Szene mit dem Handy filmt. Mariana, Michele und ihre Mitstreiterinnen haben erneut die nächtlichen Strassen eines dystopischen Brasiliens von unkeuschen Frauen gesäubert, getreu dem Credo «Frauen bringen die Sünde in die Welt».
Mariana und die anderen jungen Frauen gehören einer fundamentalen Gemeinschaft an, deren charismatischer Führer gegen die Sünde predigt und unabhängige Frauen als Gefahr für die Gesellschaft identifiziert. Schön und gehorsam – so sollen Frauen sein.
Doch dann wird Mariana während eines nächtlichen Streifzugs verletzt. Entstellt durch die Narbe auf ihrer Wange, passt sie nicht länger in ihre Gemeinschaft und an ihre Arbeitsstelle bei einem Schönheitschirurgen. Nach und nach beginnt sie, sich zu emanzipieren und entdeckt die Wunder der Sexualität.
Anita Rocha da Silveira hat mit «Medusa» ein hochpolitisches Film-Manifest gegen die Unterdrückung geschaffen. Sie verwebt geschickt die Mythen über gefährliche (weil unabhängige) Frauen mit einer pointierten Gesellschaftskritik. Visuell greift sie immer wieder in die Horrorfilm-Trickkiste, um den bestürzenden Zustand der brasilianischen Gesellschaft zu verdeutlichen, wo toxische Männlichkeit, Sexismus und christlicher Fundamentalismus seit Bolsonaro zur Tagesordnung gehören. Ein zugleich betörender und verstörender Film!
Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp
«Medusa», Brasilien 2022; Regie: Anita Rocha da Silveira; ProtagonistInnen: Mari Oliveira, Lara Tremouroux, Thiago Fragoso; Verleih: Trigon-Film; Homepage: https://www.trigon-film.org/de ; Filmseite: https://www.trigon-film.org/de/movies/medusa
Ab 9. Dezember 2022 zum Streamen auf http://www.filmingo.ch
