Medien sind kein Eintopfgericht

Die Medienvielfalt ist gross – aber in der Mediennutzung herrscht oft die Einfalt vor. Anstatt verschiedene Medien auch unterschiedlich einzusetzen, wird alles mit allem versucht – und das pausenlos. Ein Plädoyer für mehr Vordenkarbeit im Umgang mit Medien.

Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage hat sich in unserer Wirtschaftswelt längst ins Gegenteil verkehrt. Nicht mehr die Wünsche von uns Kunden sind ausschlaggebend für das Angebot, sondern das Angebot soll unsere Begehrlichkeit wecken. Fast nirgends ist dieses Verhältnis so radikal auf den Kopf gestellt worden wie in der Medienbranche. Hier ist es das Angebot, welches einen ungeheuren Druck ausübt: Das Internet bietet Informationen in Hülle und Fülle, also müssen wir diese auch nutzen. Wer das nicht tut, so scheint es, wird abgehängt, marginalisiert und im Endeffekt lebensuntauglich. Die Angst davor, den Anforderungen der Zeit nicht genügen zu können, ist derart gross, dass immer mehr Menschen sich ans Internet anschliessen, nicht etwa, weil sie das neue Medium wirklich brauchen, sondern weil sie das Gefühl haben, dies dem Zeitgeist schuldig zu sein.

Es wäre an der Zeit, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wenigstens ansatzweise wieder ins rechte Lot zu bringen. Den Anfang müsste deshalb die Frage machen: Kann ich mein Leben, meine Arbeit besser organisieren, wenn ich einen Internetzugang besitze? Und falls ich nur surfe, befriedigt dieses Medium mein Unterhaltungsbedürfnis tatsächlich besser als jedes andere? Genau dasselbe gilt natürlich für den Fax, den Fernseher, das Handy und selbst so altmodische Dinge wie das Buch.

Wer vordenkt, wählt aus

Die Nutzung der Medien sollte von den Zielen her bestimmt werden. Ein gelöster und konsequenter Medienkonsum, wird nur durch Vordenken möglich. Bevor ich mich also im Internet auf die Suche nach einer Telefonnummer mache, sollte ich mich fragen, ob ich damit wirklich schneller und komfortabler bin als mit der Telefonauskunft. Und bevor ich per Handy mühsam eine elektronische Kurznachricht an die Internet-Seelsorge verschicke, sollte ich mir überlegen, ob die dreistellige Telefonnummer der „Dargebotenen Hand“ nicht vielleicht doch das bessere Angebot ist.
Das bedeutet auch, dass man sich selbst Grenzen setzen muss. Früher wurde man durch die Verfügbarkeit und die Ortsgebundenheit limitiert, heute ist man mit dem Handy jederzeit überall erreichbar. Wenn wir nicht wollen, dass das Mobiltelefon alle unsere Zeiten und Räume der Ruhe zerstört, müssen wir uns überlegen, wann wir es wirklich eingeschaltet haben wollen.
Das gilt ebenfalls für die „Rhythmen des Inhalts“. Wir müssen lernen, inhaltliche Prioritäten zu setzen. Was ist uns wann wichtig? Wir werden zwangsläufig vieles, was uns wichtig wäre, verpassen und auch nicht immer die Ersten sein, die informiert sind. Aber wenn wir uns über unsere Prioritäten im Klaren sind, werden wir das verschmerzen können.
Und schliesslich wird unsere Mediennutzung durch ein Wechselspiel von Informationsgewinnung und Informationsverarbeitung strukturiert. Nur weil wir eine Sendung gesehen oder eine Website gefunden haben, heisst das noch lange nicht, dass wir jetzt auch mehr wissen und besser informiert sind. Wer Information auch gewinnbringend anlegen will, der muss sie verdauen und nicht nur in sich hineinstopfen.

Die Einwegkommunikation entdecken

Im Moment ist „Interaktivität“ hoch im Kurs. Internet und Mobiltelefone werden unter anderem mit dem Versprechen verkauft, Zweiwegkommunikation immer und überall möglich zu machen. Im Endeffekt bedeutet das, dass wir zwar mit jemandem telefonieren, aber nicht wissen, ob dieser gleichzeitig in einer Besprechung sitzt, den Fax kontrolliert oder seine Mailbox abruft. Interaktivität ist häufig nichts weiter als ein schönklingendes Wort für Kommunikationseintopf und Aktivismus.

Deshalb plädiere ich für die Wiederentdeckung der Einwegkommunikation im folgenden Sinne: Du redest – ich höre dir zu. Ich antworte – du hörst mir zu. Die neuen Medien können Grossartiges leisten, aber nur, wenn wir auch wissen, wo und wann wir sie am besten einsetzen können. Um das zu erreichen, genügt es nicht, immer genügend Geld für jede technische Neuheit auf der Seite zu haben und die Gebrauchsanleitung genau zu studieren. Sondern das WWW ist wichtig: Welches Medium brauche ich wann und wozu?

Thomas Binotto
Der Autor ist freier Journalist und Redaktor beim Pfarrblatt für den Kanton Zürich