Lore
Alles steht Kopf; Welt, Werte und Lores Empfindungen – und manchmal tun es auch die Bilder in Cate Shortlands Verfilmung von Rachel Seifferts Roman «The Dark Room». Im Frühling 1945 rücken die Aliierten in Deutschland ein. Lore und ihre kleinen Geschwister – ihr Vater ist SS-Offizier – sind plötzlich auf sich allein gestellt. Von Bayern sollen sie nach Hamburg zur Grossmutter reisen. Sie erfahren Misstrauen, Verzweiflung, Hunger, sehen Tote und Versehrte.
Wie im vielbeachteten Film «Somersault» (2004) der australischen Regisseurin dominiert Blaugrün mit roten Einsprengseln. Die kalte, bedrohliche Atmosphäre wird verstärkt, indem die Kinder durch Fenster, zwischen Bäumen hindurch gefilmt werden wie von einem heimlichen Beobachter. Detail- und Grossaufnahmen wechseln mit Fahrten dicht am Boden entlang über Moos und Gräser. Die Natur, die unverdrossen ihren Weg geht, das zarte Frühlingslicht, kontrastieren mit Lores Verwirrung.
Was sie über den Holocaust aufschnappt und was ihre Eltern über die Juden sagten, klafft auseinander. Lore muss Lüge und Wahrheit, Gut und Böse neu ordnen. Sie entdeckt widerstrebend erotische Gefühle gegenüber dem Mann, der ihnen dank seines jüdischen Passes bei der Flucht hilft. Shortland lässt sich aber nicht auf gängige Rollenverteilungen ein; im Zentrum ihres sensiblen Films steht Lores Zerrissenheit, die Saskia Rosendahl ergreifend zum Ausdruck bringt.
Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch
«Lore», Deutschland / Grossbritannien / Australien 2012, Regie: Cate Shortland, Besetzung: Saskia Rosendahl, Kai Malina, Nele Trebs; Verleih: Look Now! Filmdistribution Zürich, http://www.looknow.ch
Kinostart: 15. November 2012
