L’enfant

Ob man mit einem Kinderwagen besser betteln kann? Bruno versucht es, als er auf seinen neugeborenen Sohn aufpassen muss. Sonst bestreitet er seinen Lebensunterhalt mit Gaunereien oder vermietet einfach mal die Sozialwohnung seiner Freundin an Unbekannte. Eine Hehlerin bringt ihn darauf, dass man auch Babys verkaufen kann. Seiner verzweifelten Freundin sagt er lapidar: «Dann machen wir eben ein Neues.»

Nach «Le fils» fokussieren die Brüder Dardenne aus Belgien erneut das Thema Vaterschaft. Der Titel «L’enfant» ist mehrdeutig: Wer ist nun das Kind, das Neugeborene oder sein jugendlicher Vater? Bruno steht jedenfalls im Zentrum: sein kleinkrimineller Alltag, seine Unbekümmertheit im Umgang mit Geld, seine Verantwortungslosigkeit. Die Filme der Brüder Dardenne zeichnen sich durch einen unverstellten Blick auf soziale Realitäten aus. Die intensive Wirkung verdankt sich der beobachtenden, fast schon dokumentarischen Kamera, die den Figuren hautnah durch alle Höhen und Tiefen folgt. Das neue Werk zeigt Jugendliche am Rande der Gesellschaft, wie sie auch in der Schweiz neben einem im Tram sitzen könnten. Die Geschichte von Bruno, Sonia und ihrem Baby wäre ebenfalls in Genf, Bern oder Zürich vorstellbar. Der minimalistische und beeindruckende Film wurde mit dem Europäischen John-Templeton-Preis ausgezeichnet.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

«L’enfant», Belgien/Frankreich 2005, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Besetzung: Jérémie Renier, Déborah François, Olivier Gourmet; Verleih: Xenix-Filmdistribution GmbH, Internet: http://www.xenixfilm.ch

Kinostart: 12. Januar 2006

Europäischer Templeton-Filmpreis 2005:
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,3&meid=53892