Le Havre
Wieder lebendige Tote – so wird die Entdeckung menschlicher Geräusche in einem der Hafencontainer lakonisch kommentiert. Polizei, Ambulanz und Journalisten rücken aus, als der Container geöffnet wird und den Blick auf eine afrikanische Flüchtlingsfamilie frei gibt. Bekannte Bilder. Der Finne Aki Kaurismäki nimmt mit seinem neuesten Film das politisch brisante Thema von Migration und Ausschaffung auf. Während zeitgleich im Kino «Vol spécial» ebendiese Fragen als eindringliche Dokumentation angeht, wählt Kaurismäki für sein kämpferisches Plädoyer die Form eines modernen Märchens. Er arbeitet in fantastisch schön komponierten Bildern, immer wieder in Blau und Ocker, und mit knappen Dialogen. So findet sich der bekannte Bohemien und Autor Marcel Marx, der heute als Schuhputzer in Le Havre lebt, unversehens ins Schicksal eines afrikanischen Jungen verwickelt und beschliesst, diesem Kind zu helfen. Unterstützt wird er von seinen Freunden, die wie er in die Jahre gekommen, ihr Alter mit subversivem Charme leben und so die Hafenrealität umkrempeln.
Selig sind die Unschuldigen, denn ihnen gehört das Himmelreich – lässt einer der Priester, denen Marx die Schuhe putzt, fallen. Ein zufällig wirkender Satz, der einen Schlüssel zu Kaurismäkis Film bieten könnte. Ist «Le Havre» vielleicht eine offene filmische Annäherung an die Bergpredigt? In Cannes wurde «Le Havre» begeistert aufgenommen und mit dem Preis der internationalen Filmkritik geehrt.
Brigitta Rotach, Kulturjournalistin
brigitta.rotach@access.uzh.ch
«Le Havre», Finnland / Frankreich / Deutschland 2011, Regie: Aki Kaurismäki, Besetzung: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel; Verleih: Filmcooperative Zürich, http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://lehavre.pandorafilm.de
Kinostart: 29. September 2011
