Le bleu des villes
Ist es mit dreissig noch möglich, ein langweiliges Leben zu verändern und Träume zu realisieren? Diese Frage stellen der Regisseur Stéphane Brizé und Florence Vignon, Drehbuchautorin und gleichzeitig Hauptdarstellerin im Film „Le bleu des villes“. Mit liebevoller Geste erzählen sie von der Melancholie, vom Träumen und von der Sehnsucht nach einem Leben jenseits des Alltags.
Da alle Autofahrer glauben, dass ihre illegalen Parkversuche erlaubt sind, bildet die verbale Beleidigung ein alltägliches Ereignis im Leben von Solange (Florence Vignon), die auf ihren Kontrollgängen als Politesse regelmässig Bussen verteilen muss. Seit fünf Jahren ist sie mit Patrick (Antoine Chappey) verheiratet, der seinen Lebensunterhalt mit dem Waschen von Leichen im Spital verdient. Ihr Leben in der französischen Provinzstadt ist so gewöhnlich und strikt geordnet, dass Solange in einen depressiven Zustand abgleitet. Die Begegnung mit der ehemaligen Schulfreundin Mylène, die es zur „Wetterfee“ im Fernsehen gebracht hat, mobilisiert bei Solange Widerstand gegen die erdrückende Alltäglichkeit. Sie träumt von einer Gesangskarriere, verlässt ihren Beruf und ihren Mann. Doch auch dieser Ausbruch scheint zu scheitern.
Mit einem wunderbaren Sinn für leise Ironie gelingt es Brizé, den Weg zwischen Melancholie und Situationskomik zu gehen. Die überzeugende Drehbuchidee und deren grossartige Verkörperung durch Florence Vignon geben diesem psychologischen Drama in verschiedenen Szenen eine überraschende Leichtigkeit und emotionale Tiefe. Beispielsweise die besonders intensive Beziehung von Solange zu ihrer Grossmutter, die durch ein Ritual charakterisiert wird. Solange liest ihr aus einem Kochbuch das Rezept der „meringues aux framboises“ vor, ein Text der am Begräbnisgottesdienst zur liturgischen Inspirationsquelle gedeiht – eine schlichte und berührende Szene, wie sie im Kino selten zu sehen ist.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
„Le bleu des villes“, Frankreich 1999, Regie: Stéphane Brizé
Film des Monats Juli 2000
