L´arche du désert

Ein Kind verlässt sein zerstörtes Heimatdorf, geht auf wunden Füssen in die Wüste hinaus, auf der Suche nach einem Land des Friedens. So endet Mohamed Chouikhs Film „L´arche du désert“, der im August des letzten Jahres bereits im Wettbewerb von Locarno zu sehen war. Der 55jährige algerische Regisseur – „El-kalaa“ (Die Zitadelle, 1988) und „Youcef“ (1993) – besinnt sich auf die Tradition der Märchenerzähler. Und er erzählt ein Märchen, das brisanter und aktueller kaum sein könnte.

Eine Oase mitten in der Sahara: Amin (Hacen Abdou) und Myriam (Myriam Aouffen) lieben sich, ohne sich jedoch bewusst zu sein, welche Konflikte sich daraus ergeben werden. Weil sie nämlich zwei verschiedenen Ethnien angehören, provoziert ihre Liebe einen Skandal. Myriam wird in der Hütte ihrer Eltern angekettet, Amin fast zu Tode geprügelt.
Doch das ist nur der Anfang der dörflichen Apokalypse. Immer mehr gerät das sensible Gefüge der verschiedenen Ethnien ins Wanken. Wo vorher Toleranz und Solidarität herrschten, brechen unvermutet alte Ressentiments und Vorurteile auf. Der seit Generationen gewahrte Frieden zwischen den Volksgruppen droht zu zerbrechen. Schliesslich geht die Trennung buchstäblich mitten durch die Häuser. Und was früher die eigentliche Quelle der Solidarität war, die gemeinsame Wasserstelle, wird nun zum Zankapfel. Bis schliesslich die Menschen tot und das Dorf zerstört sind.
Zurück bleiben Myriam und Amin, zurück bleibt ein „neuer“ Noah, der mit seiner Arche im Sand steckt und auf den Segen von oben wartet. Und zurück bleibt ein Kind, das dieses „Land der verrückten Erwachsenen“ verlässt, auf die Gefahr hin, in der Wüste umzukommen, aber mit der Hoffnung auf ein neues Land des Friedens.

Zugegeben, „L´arche du désert“ ist nicht rundum gelungen: Die Schauspieler sind teilweise überfordert; das archaische Dorfleben trägt hie und da folkloristische Züge; der träge Rhythmus lässt lange kaum Emotionen zu, und die Tonspur ist nicht besonders einfallsreich. Und doch wird man mit solcher Mäkelei den Kern des Films nicht entdecken. Denn gerade dank seinen Laiendarstellern und der Schlichtheit der Inszenierung strahlt „L´arche du désert“ eine Authentizität und eine Ehrlichkeit aus, die im Kino selten sind.

Obwohl Mohamed Chouikh betont, er sei Kunstschaffender und nicht politischer Kommentator, besitzt dieser märchenhafte Film gesellschaftliche und politische Relevanz. Nicht zuletzt gelingt dies, weil Chouikh seine Geschichte im Niemands- oder besser gesagt im „Überall-Land“ ansiedelt, denn es besteht für Zuschauerinnen und Zuschauer nie der geringste Zweifel, dass Oase und Wüste allgemeine Metaphern sind. Auch das Thema könnte universeller kaum sein, versucht doch Chouikh erklärtermassen, die Ursachen der Gewalt aufzuspüren. Er findet sie in einer Gesellschaft, die vergessen hat, welches die Ursprünge der Toleranz sind und aus welchen Quellen diese immer wieder aufs Neue gefestigt werden. „L´arche du désert“ ist eine Allegorie, die in ihrer ursprünglichen Intention überall verstanden wird, gerade weil sie in der universellen Form des Märchens daherkommt. Und ob absichtlich oder nicht, dieses Märchen ist auch ein politischer Kommentar – zu Nordirland, Bosnien, Kosovo, Ruanda, Chiapas – und Algerien.

Die Arche des „neuen“ Noah bleibt im Sand stecken. Und was einst eine Oase war, ist zerstört. Der Mensch selbst hat seine Lebensquelle vernichtet. Eine Apokalypse ohne Hoffnungsschimmer? Nein, aber nur jene, die wie das Kind, wie der „alte“ Noah bereit sind, die Reise ins Ungewisse zu wagen, nur diese werden – vielleicht – eine neue Oase des Friedens und des Lebens finden. Dafür ist „L´arche du désert“ ein Sinnbild und damit tatsächlich nicht nur ein Kommentar zur aktuellen Lage in Algerien, sondern eine Parabel über die gesamte Arche namens „Erde“.

Thomas Binotto (gekürzt)

„L´arche du désert“ Regie:Mohamed Chouikh

Film des Monats Juni 1998