Lagaan – Once upon a Time in India
Der indische Film «Lagaan» ist ein Phänomen: Die Faszination für den Ausstattungsfilm, das Schwelgerische und die selbstironische Hemmungslosigkeit, in der das Kitschige hier gepflegt wird, kennen wir eigentlich nur aus den Hollywood-Filmen der fünfziger Jahre. Vieles ist ungewohnt und für westliche Augen erstaunlich. «Lagaan» erzählt seine epische Geschichte im Stil des Bollywood-Kinos. Episch ist nicht nur die aussergewöhnliche Länge. Die Grossproduktion von Ashutosh Gowariker und Aamir Khan beeindruckt vor allem als Monumentalfilm. Die Choreographie der 3000-köpfigen Komparserie in den ausführlichen Musicalszenen ist überwältigend und hat bei der Premiere auf der Piazza Grande in Locarno 2001 ein nostalgisches Glücksgefühl geweckt.
«Lagaan» («Der Zehnten») schildert im Kontext des 19. Jahrhunderts die Unterdrückung der Landbevölkerung durch die britischen Kolonialherren. Die märchenhafte Geschichte erzählt von dem durch Trockenheit und Hungersnot bedrohten Dorf Champaner, dessen Bewohner 1893 die englischen Kolonialherren um Erlass des Lagaan ersuchen und von diesen auf zynische Weise zu einem Cricket Spiel herausgefordert werden, von dem die Bauern keine Ahnung haben. Dies ist die Stunde des mutigen Helden Bhuvan, dargestellt von Aamir Khan, einem der derzeit berühmtesten indischen Filmstars. Die Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit ist das historische Thema von „Lagaan“. Der moralische Aufruf an die aktuelle indische Gesellschaft zeichnet sich im entscheidenden Spiel ab, in dem die Teamarbeit über alle Religionen und Kasten hinweg – bis zum Unberührbaren – als Mittel zum Erfolg präsentiert wird.
Die Rituale des hinduistischen Shiwa-Kults sowie die Volksfrömmigkeit bilden in der Erzählung das Dekor für die dramaturgische Entwicklung. Typisch für Filme wie «Lagaan» ist, dass sie religiöse Motive und Handlungen als Folklore inszenieren und möglichst elegant in die zahlreichen Tanzszenen mit den modernisierten religiösen Gesängen einfügen. Obwohl der Film eine historisch-kritisch vermittelte Erzählung präsentiert – in der er den meisten kommerziellen Produktionen überlegen ist – benutzt «Lagaan» die religiösen Traditionen als Staffage und Dekor. In der Darstellung der hinduistischen Tradition spielt der Regisseur Gowariker auf die nostalgische Rückwärtsgewandtheit einer Gesellschaft, die sich in einem rasanten Modernisierungsschub befindet. Zum Schluss entscheidet sich der Held gegen die englische Lady und für die junge indische Frau. Die Werte der familiären Heiratsvermittlung sind wieder hergestellt und das indische Dorf wird zur Identifikationsgemeinschaft im sozialen, moralischen und religiösen Sinne.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«Lagaan – Once upon a Time in India», Indien 2001, Regie: Ashutosh Gowariker, Besetzung: Aamir Khan, Gracy Singh, Rachel Shelley, trigon-film, Klosterstrasse 42, Postfach, 5430 Wettingen 1, Telefon: +41 (0)56 430 12 30, Fax: +41 (0)56 430 12 31, Internet: http://www.trigon-film.org, http://www.lagaan.indiatimes.com/#,
Kinostart: 30. Mai
Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt ab 25. Mai die Ausstellung: „Bollywood und die Schweiz“: http://www.museum-gestaltung.ch
