La vita è bella
Der toscanische Lebenskünstler Guido (Benigni) will 1938 die hübsche, aus einer höheren Gesellschaftsschicht stammende Lehrerin Dora (Nicoletta Braschi) erobern und sie ihrem Verlobten, einem gestrengen Beamten des faschistischen Regimes, ausspannen. Als Kellner an ihrer Verlobungsfeier brennt Guido schliesslich hoch zu Ross mit Dora durch, und in einer einzigen, eleganten Einstellung überspringt Benigni mehrere Jahre, in denen das junge Paar heiratet, und Dora einen Sohn zur Welt bringt: Giosué. Guido, der noch bei seinem Werben um Dora als apolitischer Witzbold einen Vortrag über Ariertum veräppelt hat, wird nun plötzlich aufgrund seiner jüdischen Abstammung von seinen Mitmenschen ausgegrenzt. Wie sein Onkel werden auch Guido und der fünfjährige Giosué eines Tages ins KZ deportiert. Die Nichtjüdin Dora besteht darauf mitzugehen und landet im Frauenlager nebenan. Guido, der selbst wenig von dem ahnt, was den Juden hier bevorsteht, gibt seinem Sohn das Ganze als ein Spiel aus, an dessen Ende es Giosués Bubentraum, einen echten Panzer, zu erringen gebe. Alles – die Entbehrungen, die Erniedrigungen, vor allem aber das Verstecken, damit der Kleine nicht gesehen wird – muss erduldet werden, will man genügend Punkte gewinnen für den grossen Preis. Die Zahl der Teilnehmer des KZ-Spiels schwindet zusehends, und Guido muss seine Phantasie anstrengen, um noch irgendwelche Erklärungen zu finden, die das Verhalten der Nazis für das Kind selbst im irrealen Kontext eines Spiels plausibel machen können.
Guidos verzweifelter Humor verbindet sich überzeugend mit der Hoffnungslosigkeit der Lage. So findet er prägnante Bilder für die Beliebigkeit des Rassismus: Neben Verbotsschildern für „Juden und Hunde“ gebe es auch solche für „Spanier und Pferde“ oder „Chinesen und Känguruhs“, macht Guido etwa Giosué weis; sie selbst würden wohl „Spinnen und Westgoten“ aussperren. Als der Kleine hört, die KZ-Insassen würden zu Knöpfen und Seife verarbeitet oder in Öfen verbrannt, redet Guido ihm das aus: „Stell dir vor, du wäschst dich mit Bartolomeo und knöpfst dir mit Giorgio das Hemd zu – ist doch absurd.“ Auch wäre es blöd, sie zum Heizen zu verwenden; der junge Ingenieur da sei noch grün und würde schlecht brennen. Das funktioniert zugleich als gewagte, rabenschwarze Komik und als tragische Ironie, denn wir Zuschauer wissen wie Guido selber mehr als Giosué und wünschen ihm, dass er die Täuschung des Sohnes aufrechterhalten kann. Eine andere Rettung gibt es nicht, denn Dr. Lessing, dem Guido nun als KZ-Arzt wiederbegegnet, ist psychisch gebrochen und ausserstande, seinem alten Freund zu helfen.
Mit seinem humoristisch verfremdenden Ansatz gelingt es Benigni verblüffenderweise, den Greueltaten der Nazis jene Unfassbarkeit zurückzugeben, die sie in konventionelleren Formen von dokumentarischer oder künstlerischer Überlieferung teilweise eingebüsst haben. Guidos Vergleiche und Veranschaulichungen sind kindgerecht und zersetzen gleichzeitig die unmenschliche Konsequenz der Nazi-Ideologie, indem sie deren Willkürlichkeit aufzeigen.
Selbst Guidos Phantasie vom KZ als Spiel ist nicht wirklich deplaziert: Der grosse Preis, auf den alle Juden hofften, war das Überleben, und der war nur durch das Einhalten von absurden und mörderischen Spielregeln und mit einem ungeheuren Durchhaltewillen zu erringen. Benigni schreibt im Presseheft zum Film: „Ich war so beeindruckt davon, wie bodenlos das Grauen war, dass es mir durchaus möglich schien, dass ein Mann wie Guido vorgeben könnte, die ganze Qual sei nur ein Spiel. Davon spricht auch Primo Levi in ‘Ist das ein Mensch?´. Er beschreibt die Reveille am Morgen im Lager, wo die Häftlinge alle nackt und reglos sind, sieht sich um und denkt: ‘Und wenn dies alles nur ein Scherz wäre? Das kann nicht wahr sein …´ Das war offenbar eine Frage, die sich allen Überlebenden stellte: Wie konnte das wahr sein?“
Michel Bodmer (gekürzt)
„La vita è bella“, Italien 1997, Regie: Roberto Benigni
Film des Monats August 1998
