La vie ne me fait pas peur
Überdreht rasen vier Mädchen durch die Pubertät. Einfühlsam und witzig bringt die französische Regisseurin dieses Lebensgefühl auf die Leinwand. Die überraschenden Bildideen steigern sich zu einer virtuosen Fahrt auf der Achterbahn der Gefühle. Der Film wurde am Filmfestival Locarno mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet.
„La vie ne me fait pas peur“ ist eine Beschwörung der pubertären Geister … und wehe, wenn sie losgelassen werden. Vier ganz gewöhnliche, rund 13-jährige Mädchen stehen im Mittelpunkt, permanent unter Hochspannung, unglaublich wandlungsfähig, exaltiert und verletzlich. Inès, Emilie, Stella und Marion haben sich in der Schule kennen gelernt. Sie sind Freundinnen und machen als „Viererbande“ ihre Umgebung unsicher. Der zum Teil rasend schnell geschnittene Film zeigt sie in der Schule, zu Hause, auf gemeinsamen Streifzügen, mitten im Streit mit Eltern oder Geschwistern, beim geheimen Ritual, auf der Jagd nach Jungen, beim ersten Ferienabenteuer und in Schicksalsmomenten.
Die 35-jährige Französin Noémie Lvovsky filmt die vier Mädchen aus einer weiblichen Sicht. Sie nimmt die furiose Energie dieser vier Persönlichkeiten auf, die Präsenz ihrer Körper und ihrer Stimmen. Sie zeigt die Figuren in der Spannung zwischen Verzweiflung und Euphorie. In jedem Moment kann die Gefühlslage von einem Extrem ins andere kippen. In ihren aggressiven Augenblicken wirken sie kriegerisch und angsteinflössend, in ihren melancholischen Phasen hingegen fragil und verletzlich. Lvovsky erreicht in der Schauspielführung mit den Laiendarstellerinnen eine erstaunliche psychologische Modellierung, fordert von ihnen eine starke Identifikation mit der Rolle. Die atemberaubende Energie, die dabei von den Darstellerinnen ausstrahlt, ist in vier psychologischen Grundmustern verankert: in der aggressiven Stella, der überkorrekten Marion, der verträumten Inès und in der von einer verrückten Mutter überforderten Emilie.
So unterschiedlich die vier Charaktere auch sind, verbindet sie doch Solidarität und Vertrauen. Gemeinsam entdecken sie die erwachende Sexualität und pflegen mit leidenschaftlicher Hingabe ihre erotischen Fixierungen. In einer irrwitzigen Schulhausszene stehlen die Mädchen aus dem Büro der Direktorin das Foto eines verehrten Jungen, welches gleich aufgegessen wird. Die symbolische Einverleibung des geliebten Objektes deutet an, dass die erotische Energie der jungen Frauen sich nicht primär auf die Jungen richtet. Sie sind zwar der Auslöser, bleiben den vieren aber völlig fremd, sozusagen wie Ausserirdische, die jeden Moment wieder auf den Mars zurückfliegen könnten. Das eigentliche spielt sich in der von einem magischen Ritual zusammengeschweissten Gruppe ab; vier Hexen gleich kreisen sie um ihre Liebesfetische. Das erfahrungsgesättigte Drehbuch hat Noémie Lvovsky gemeinsam mit Florence Seyvos entwickelt. Die konsequent auf die späten Siebzigerjahre getrimmte Inszenierung spielt geschickt mit verschiedenen Genres und erreicht in den überraschenden Bildideen eine wunderbare Leichtigkeit. Als einziger Schönheitsfehler entpuppt sich der wenig überzeugende Schluss, was aber in diesem furiosen Kaleidoskop der weiblichen Adoleszenz kaum ins Gewicht fällt. Der überbordende Rhythmus der Bilder bestimmt diesen unerhört lebendigen und energischen Film.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
„La vie ne me fait pas peur“, Frankreich/Schweiz 1999, Regie: Noémie Lvovsky
Film des Monats Oktober 1999
