La fleur du mal
Altmeister Claude Chabrol verweist im Titel seines jüngsten Films auf einen Gedichtzyklus des «Genius der Dekadenz», Charles Baudelaire. Gleichzeitig weist die Metapher auch auf die perfide und gleichzeitig faszinierende Fassade der französischen Bourgeoisie hin. So erweist sich das Idyll, mit dem der Film in einem herrschaftlichen Landsitz von Bordeaux beginnt, als äusserst trügerisch. Die Kamera gleitet durch die Flure, fährt an einer im Zimmer zusammengekauerten jungen Frau vorbei und bleibt dann bei der Leiche eines Mannes stehen.
Die Familien Charpin und Vasseur, die über drei Generationen auf merkwürdige Weise miteinander verflochten sind, gehören zum Inventar des Herrschaftssitzes. Die betagte Tante Line hält nicht nur den Haushalt und die Familie zusammen, sondern hütet auch ein düsteres Geheimnis um ihren toten Ehemann. Um Line gruppiert sich das Familienensemble. Eine politisch motivierte Attacke auf die Familie löst schliesslich Irritation, Mord und Totschlag aus – und Tante Line fügt ihrem Geheimnis ein Neues hinzu.
Neben der geschliffenen Gestaltung überzeugt der Film durch seine entlarvende Gesellschaftskritik mit präzisen Pointen und Seitenhieben. Das Böse findet sich in der Banalität des Alltags. Mit der Geschichte des stellvertretenden Leidens, das Tante Line auf sich nimmt, spricht dieses avancierte Drama auch religiöse Themen an.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«La fleur du mal», Frankreich 2002, Regie: Claude Chabrol, Besetzung: Nathalie Baye, Benoit Magimel, Suzanne Flon, Mélanie Doutey, Verleih: Monopol Pathé Films AG, Internet: http://www.pathefilms.ch, http://www.mk2.com/fleur/intro.html
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