„Kinderspital“ – voyeuristisch oder wertvoll?

In Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich hat das Schweizer Fernsehen DRS die erste helvetische „Doku-Soap“ produziert. Zwei Folgen wurden bisher ausgestrahlt. Sie haben kontroverse Reaktionen ausgelöst.

„Diese Serie hat ´Schwarzwaldklinik-Niveau´ und ist überflüssig“ zitiert der „Blick“ den Zürcher Pädagogik-Professors Jürgen Oelkers. Der Tagesanzeiger ortet eine „schier unerträgliche Intensität“, die NZZ spricht nüchterner von einem „programmpolitischen Modellfall“. Und die Macherinnen und Macher der neuen „Doku Soap“ – die Dokumentarfilmredaktion von SF DRS unter der Leitung von Otto C. Honegger – gestehen, dass auch ihnen die Dreharbeiten an der Zürcher Steinwiesstrasse „ans Lebendige gingen“.
Eins ist klar: Die Emotionen gehen hoch. Entsprechend gestalten sich die Einschaltquoten. Die erste Sendung vom 5. September wurde mit fast einer halben Million Zuschauer (oder 29% Marktanteil) in der Sparte „Kultur und Bildung“ nur noch vom „Wort zum Sonntag“ übertroffen. Die Angaben zur Ausstrahlung vom 12. September weisen auf eine steigende Tendenz. Um was geht es? Die TV-Serie berichtet in fünf Folgen à je 25 Minuten aus dem Kinderspital Zürich. Zu sehen gibt es ausschliesslich authentisches Material. Mehrere Monate hat das Team von Fernsehen DRS im Kinderspital gefilmt, war bei Notfallaufnahmen, Vorbereitungen für Operationen, Elterngesprächen und Ärztevisiten mit dabei. Aus der Fülle des Materials wurden einige besonders berührende Krankengeschichten ausgewählt. Diese ziehen sich als rote Fäden durch die fünf Folgen und schaffen einen Spannungsbogen.

Hochemotionalisierende Bilder

Da ist beispielsweise der siebenjährige Fabian, der sein linkes Bein plötzlich nicht mehr richtig bewegen konnte. Diagnose: Hirntumor. Die Kamera ist dabei, als der Arzt den Eltern mitteilt, dass ihr Sohn in wenigen Tagen operiert werden muss. Erzählt wird auch die Geschichte einer jungen Frau aus dem Kosovo, deren Säugling Valentin kurz nach der Ankunft im Asylheim vom Balkon stürzte. Die Kamera zeichnet einen mehrwöchigen Kampf um Leben und Tod nach.
Die TV-Serie ist teilweise wie ein Dokumentarfilm gestaltet. Zusätzlich enthält sie aber – gemäss den Vorgaben ihres Genres – Elemente der „Soap“. Das bedeutet vor allem: die Zuschauer/-innen sollen emotional angesprochen werden. Dies erreicht man unteren anderem mit einem auf Effekt abzielenden Schnitt, mit einem Nebeneinander mehrerer Identifikationsfiguren, mit unterlegter Musik sowie mit dem Einsatz von „Cliffhangers“: Die einzelnen Sendungen werden gezielt an einem spannenden Punkt unterbrochen, und eine Art Vorschau verspricht die Fortsetzung der Story in der nächsten Folge.

Verantwortungslos?

Was man in „Kinderspital“ zu sehen bekommt, zielt einzig auf Emotionen, Sensationsgier und Voyeurismus, sagen die einen. Intime, private Momente der Angst und des Schmerzes werden respektlos zu einem öffentlichen Gut gemacht. Wieso beispielsweise soll eine Kamera dabei sein, wenn der Arzt einem Ehepaar mitteilt, dass ihr zweijähriges Kind in Kürze sterben wird?
„Kinderspital“ kann Verständnis schaffen für die Schicksale von Kindern sowie für den heutigen Arbeitsalltag von Ärzteschaft und Pflegepersonal, sagen die anderen. Alle Beteiligten hätten sowohl bei der Aufnahme wie auch bei einer späteren Visionierung die Möglichkeit zum Rückzug gehabt, und die juristischen Formalitäten, etwa betreffend Persönlichkeitsschutz, seien genau abgeklärt worden. Die Macherinnen und Macher von „Kinderspital“ wurden nicht müde zu betonen, wie sehr ihnen die Problematik der „Doku Soaps“ bewusst ist. Mit „Kinderspital“, sagen sie, wollten sie die Herausforderungen des neuen TV-Genres annehmen und dieses mitgestalten.

„Doku Soaps“ boomen allerorts. Seien es nun Produktionen der Privatsender wie RTL und Pro7, die mit üblen Methoden offenkundig auf Einschaltquoten zielen, oder die seriöser gemachten Varianten von ARTE („Geburtsstationen“) oder ZDF („OP – Schicksale im Klinikum“) – der Siegeszug des neuen Genres wird sich nicht aufhalten lassen. Dazu kann man sich stellen, wie man will. Eines aber lässt sich mit Sicherheit sagen: Soaps“, und mit ihnen das gut gemachte „Kinderspital“, stellen in jedem Fall eine fernsehjournalistische Gratwanderung in Bezug auf Ethik, Menschenwürde und Seriosität dar.

Sabine Schüpbach

Die weiteren Folgen von „Kinderspital“: 19.9., 26.9. und 3.10., jeweils um 20.00 auf SF1.