Joschka und Herr Fischer
«Ich hätte lieber andere Schuhe angezogen. Aber es musste sein; das wurde ausführlich diskutiert. Eine Macht hat dieses Symbol bis auf den heutigen Tag – das ist unglaublich!» Über zwanzig Jahre ist es her, dass die Turnschuhe eines Politikers Deutschland in Wallung versetzten. Inzwischen ist der ehemals erste grüne Umweltminister Hessens deutscher Ex-Aussenminister und hat sich vorerst von der Politik zurückgezogen.
Pepe Danquart hat ihn vor die Kamera geholt und eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland unternommen. Da steht Herr Fischer in einer Art Halle und betrachtet auf Glasscheiben projizierte Archivbilder von Joschka. Eloquent kommentiert er, was er sieht. Und so werden hinter seinem Werdegang zentrale Etappen der Nachkriegsgeschichte Deutschlands sichtbar. In Exkursen kommen Zeitgenossen zu Wort und weiten den Blickwinkel aus. Im Vordergrund steht dabei immer der politische Mensch Fischer, zum Privaten möchte er wenig sagen. Seine zahlreichen Ehen beispielsweise werden nicht weiter thematisiert, lediglich zweimal ist am Rande die Rede von einer Gattin. Geschichte und Politik stehen im Fokus, und dennoch ist Pepe Danquart, der aus seiner Sympathie für den Protagonisten keinen Hehl macht, eine unterhaltsame Dokumentation gelungen. Weil Vieles – wie die legendäre Vereidigung in Turnschuhen 1985 – auch seine komischen Seiten hat, ist der Film alles andere als eine tröge Geschichtsstunde.
Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch
«Joschka und Herr Fischer», Deutschland 2011, Regie: Pepe Danquart, Besetzung: Joschka Fischer, Katharina Thalbach, Daniel Cohn-Bendit; Verleih: Filmcooperative Zürich, http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://www.joschka-und-herr-fischer.ch
Kinostart: 9. Juni 2011
