Jesus in den Medien IV

In der Popmusik der neunziger Jahre ist Jesus ein beliebtes Thema. Madonna trägt seine Wundmale und Michael Jackson stilisiert sich selbst als Messias. Was ist von diesen Phänomenen zu halten? Bedeuten sie Effekthascherei oder sind sie ernsthafte Auseinandersetzung mit der Religion? Ein Gespräch mit dem deutschen Theologen und Medienpädagogen Dr. Gerd Buschmann.

ZOOM tip: In den vergangenen Jahren kam die Figur Jesus in vielen Popsongs vor. Kann man von einer Jesus-Welle in der Popmusik sprechen?

Gerd Buschmann: So würde ich es nicht nennen, aber die Popmusik der letzten Jahre hatte einen starken Hang zu religiösen Themen. Auch die Person Jesus wurde immer wieder zur Sprache gebracht, etwa in „Like a prayer“ von Madonna oder „Loosing my religion“ von REM. Ein weiteres Beispiel ist „Jesus“ von Marius Müller Westernhagen aus dem Jahr 1998. An diesem Song (siehe Kasten) ist sowohl der Text als auch die visuelle Vermittlung interessant. Weil sich die Musik der neunziger Jahre stark am Video-Clip festmacht, ist sie gezwungen, auf Bildkonventionen zurückzugreifen. Dabei nimmt sie auch religiöse Bilder auf. Der Video-Clip zu „Jesus“ enthält substantielle christliche Ikonografie. Natürlich kommen ironische Elemente vor, aber ich glaube, dass Westernhagen ernsthaft versucht, die Jesus-Thematik mit modernen Bildern zu vermitteln. Bei der Liedzeile „Jesus, spende mir Blut“ sieht man die Szene eines Verkehrsunfalls. Die Hand des verletzten Motorradfahrers sinkt in den Rinnstein und eine Frau beugt sich darüber. So entsteht eine christliche Pietà, die eindeutig ikonografisch nachgearbeitet ist. Jesus wird in die Neuzeit transportiert, und Verkehrsopfer werden ein Stück weit mit Christus gleichgesetzt. Man könnte die Aussage des Video-Clips so formulieren: Christus wird heute im Strassenverkehr gemordet.

Sie sagen, dass sich Westernhagen in seinem Lied ernsthaft mit der Jesus-Figur auseinandersetzt. Der Popmusik wird aber oft vorgeworfen, dass sie religiöse Motive lediglich zur Effekthascherei einsetzt…

Diese konservative Kritik ist teilweise berechtigt, aber ich will nicht allen Musikern einen oberflächlichen Umgang mit religiösen Motiven unterstellen. Selbst einer so schillernden Figur wie Michael Jackson kann ich nicht absprechen, dass er religiöse Bilder und Stilisierungen – die er bestimmt auch benutzt, um sich selbst als Messias zu inszenieren – ernsthaft einsetzt. Traditionell-kirchlich wird oft gesagt: diese Phänomene sind kommerziell und deshalb schlecht. Das stimmt nicht. Michael Jackson hat das ernsthafte Anliegen, mit Songs wie „Heal the World“ oder „Earth Song“ die Erde zu bewahren. Wo ist denn der Unterschied zum ökumenischen Ansatz der Bewahrung der Schöpfung? Man muss sich ausserdem das Potential von Popmusik bewusst machen: Wenn der „Earth Song“-Clip auf dem Musikkanal MTV einmal gesendet wird, haben ihn mehr Jugendliche gesehen als Jugendliche in einem Jahr Gottesdienste besuchen – und zwar in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Man kann doch nicht in kirchlicher Selbstüberschätzung daherkommen und das Phänomen religiöser Themen in der Popmusik einfach als unerheblich abtun.

Sie sind also davon überzeugt, dass die häufige Aufnahme religiöser Themen in der Popmusik ernsthafte Hintergründe hat?

Bei den Jesus-Songs wird ein Bedürfnis nach Botschaften und nach Erlösung deutlich. Das ist ein religiöses Bedürfnis. Allerdings wird es nicht mehr kirchlich befriedigt, sondern popkulturell. Michael Jackson tritt an die Stelle der Kirche. Trotzdem bleibt das Bedürfnis religiös. Ich finde es scheinheilig zu sagen, dass ein Bedürfnis nur dann echt ist, wenn die Kirche es befriedigt.

Können demnach Jugendliche – und Erwachsene – in der Popmusik spirituelle Erfahrungen machen?

Ja. Vor allem, weil Popmusik nicht nur kognitiv, sondern auch emotional vermittelt wird. Im Zusammenhang mit Popmusik finden Kulte und Rituale statt. Besonders in der Techno-Musik werden spirituelle Dimensionen des Rituellen sichtbar. Der Raver an der Technoparty ist in einem gewissen Sinn wie ein Mystiker, der sich körperlich befreien will, um in einen Jenseitsraum einzudringen. Das ist nicht mehr spezifisch christlich, sondern grundsätzlich religiös. Bei einer Technoparty können religiöse Dimensionen angesprochen werden, welche die Kirchen – vor allem die protestantische – vernachlässigt haben.

Wie kann die Religionspädagogik mit religiösen Aspekten der Popmusik umgehen?

Sie soll keine Angst vor der Auseinandersetzung mit popkulturellen Phänomenen haben, sondern diesen offensiv begegnen. Erste Absicht muss sein, die Dinge differenziert wahrzunehmen. Eine Schwäche der kirchlichen Kritik ist, dass sie Phänomene oft verurteilt, ohne sie richtig wahrgenommen zu haben. In einem zweiten Schritt geht es darum, spezifisch christliche Inhalte der Popmusik zu erkennen. Und dann kommt es darauf an, diese Bilder in einem Verfahren aufzunehmen, das ich „doppelte Verfremdung“ nenne. Marius Müller Westernhagen verfremdet mit seiner Pop-Pietà die religiöse Tradition. Genauso kann ich seinen Video-Clip oder einen Song von Michael Jackson im Religionsunterricht verwenden und ebenfalls verfremden. Vor Synkretismus sollte man sich dabei nicht fürchten. Die Kirchengeschichte zeigt, dass der christliche Glaube sich dort gut ausbreiten konnte, wo er synkretistische Elemente aufgenommen hat: dort wurde er produktiv und interessant.

Das Thema des diesjährigen Mediensonntages heisst „Zu Beginn des neuen Jahrtausends Christus in den Medien verkünden“. Können Sie damit etwas verbinden?

Ich persönlich lehne eine platte Verkündigung ab, bei der die Musik lediglich als Vehikel für die Mission benutzt wird. Ich möchte wahrnehmen lernen, was für religiöse Aspekte in der Popmusik vorhanden sind. Dabei gibt es viel zu entdecken, beispielsweise könnte ich den Video-Clip von Westernhagen zum Ausgangspunkt nehmen, um über die Bedeutung der Pietà nachzudenken. Oder ich könnte in der Popmusik Bilder aufspüren, in denen Jugendliche sich wiederfinden können.

Das Interview führte Sabine Schüpbach
 
 

Marius Müller Westernhagen: „Jesus“

Jesus, schenk mir dein Leben, ich geb´ dir meines dafür. / Jesus, ich wird´ nie aufgeben bis an die Himmelstür.

Jesus, spende mir Blut, bevor die Sonne mich tötet.
Jesus, spende mir Blut, bevor der Tag beginnt,
bevor der Tag beginnt.

Refrain:

Bitte lass mich ein in dein Himmelreich.
Ich vergeh.
Mit ein bisschen Glück werden wir verrückt,
Mit ein bisschen Glück, Yeah.

Jesus, wir sind die Helden, es geht, du musst es nur wollen. / Jesus, sei nicht so feige, wird werden´s der Welt schon zeigen, / wir werden´s der Welt beweisen.

Das Lied findet sich auf der CD „Radio Maria“ (1998). WEA Music 3984 24219-1

 
 
Dr. theol. Gerd Buschmann, geboren 1958, arbeitet als akademischer Rat am Institut für Philosophie und Theologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (D). Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind neutestamentliche und systematische Theologie sowie Religionspädagogik. Er hat sich in mehreren Publikationen mit der Didaktik und Hermeneutik von Popkultur im Religionsunterricht befasst. Eine Liste seiner Veröffentlichungen findet sich unter: http://www.ph-ludwigsburg.de/insphiltheo/hpg_evth/buschmann/buschmann.htm