Jesus in den Medien I

Das Jesusbild im Internet ist ebenso vielseitig wie in der Wirklichkeit. Ob Gebetsanregungen, Diskussionsforen oder Kuriositäten: Im Netz findet jede und jeder, was er oder sie braucht.

Jesus ist nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt ein weitverbreitetes Thema. Mit dem Stichwort „Jesus“ gefütterte Suchmaschinen liefern hunderttausende von Seiten unterschiedlichster Ausrichtung. Die Palette ist breit. Sie reicht von wissenschaftlichen Arbeiten über Serviceleistungen und seelsorgerischem Angebot bis hin zu Kuriosem und Trivialem. Das Dargebotene vermag verschiedenste Bedürfnis zu befriedigen; die Theologin auf der Suche nach akademischem Austausch wird ebenso fündig wie der Alltagschrist, den es nach Besinnung verlangt.

Doch kann man Jesus erfahren übers Internet, können spirituelle Bedürfnisse wirklich am Computer befriedigt werden? Viele Menschen glauben, dass die kalte Technik nicht imstande ist, eine Botschaft wie die der Liebe Jesu zu vermitteln. Andere jedoch sehen im Cyberspace ein spirituelles Potential. Das Internet ist immateriell, körperlos, an keinen Ort gebunden, quasi frei herumschwebend – Analogien zu unserem Gottesbild sind offensichtlich.

Meditieren im Internet

Kann das Internet eine sinnvolle Plattform für den Glauben sein? Manche Anbieter bemühen sich in überzeugender Weise darum. Die Daten-Autobahn-Kirche (http://www.autobahnkirche.de) stellt einen gelungenen Versuch dar, spirituelle Anregungen zu geben und einen lebendigen und sinnlichen Glauben zu vermitteln. Dem Besucher möchte sie Möglichkeiten der Besinnung, des Nachdenkens und der Begegnung eröffnen. Eine Meditationskapelle beispielsweise bietet verschiedene Anregungen zum Gebet. Enthalten ist auch ein virtueller Kreuzweg, der wie ein realer begangen – oder besser beklickt – werden kann. Jede Station besteht aus einem Bild, dem Bibeltext, einer Meditation und einem Gebet.
Verloren geht bei dieser Form der christlicher Glaubensausübung allerdings die kirchliche Gemeinschaft. Solche Angebote verstehen sich denn selbstverständlich auch eher als Ergänzung denn als Ersatz zur „realen“ Kirche.

Vielseitiges Jesusbild

Dieser unkomplizierte Zugang zur religiösen Betätigung hat seine Vorteile. Zum einen kann man von jedem Ort aus und zu jeder Tages- und Nachtzeit daran teilhaben, zum anderen müssen keinerlei „Umwege“ über religiöse Institutionen gemacht werden. Auch wer Hemmungen hat, in einen Kirchenraum einzutreten, kann unverbindlich in die Internetseiten „reinschnuppern“.

Das Internet kennt im Gegensatz zu der Kirche keinerlei Hierarchien. Jeder (Internet-Anschluss und technisches Know-how vorausgesetzt) kann Webseiten mit seinem persönlichen Inhalt ins Netz stellen, und jede Seite im Internet ist allen anderen gleichgesetzt. Im Internet hat die Kirche keine Definitionsmacht über das Jesus-Bild, das folgerichtig als ein sehr vielschichtiges erscheint. Viele der gefundenen Webseiten zu Jesus kommen denn auch nicht von offizieller Seite, sondern von „unten“: von der Basis, von Alltagschristinnen und -christen.

Meinungsaustausch und Bibelkunde

Einige christlich ausgeprägte Webseiten bieten sich als Portal ins Netz an. Unter http://www.jesus.de beispielsweise findet sich ein christlicher Internet-Führer, der sich als eine Mischung aus Serviceangeboten und Begegnungsstätte von und für Christen darstellt. Von Nachrichten und Stellenangeboten über Einkaufs- und Freizeittipps bietet er Hilfestellungen für die alltägliche Internet-Anwendung. Die Seite http://www.jesus-online.de hat ein ähnliches Angebot.
Diskussionsfreudige finden ein überkonfessionelles Diskussionsforum in der InfoBASE Jesus Christus (http://www.ibjc.de/ij-forum.htm). Per Mailing-Liste kann man sich hier über christliche Themen austauschen und diskutieren.

Fündig im Netz wird natürlich auch, wer sich mit reinen Informationen zu Jesus versorgen will. Empfehlenswert als Einstieg ist der Eintrag der Encyclopaedia Britannica (http://www.britannica.com).
Anregungen bietet das Internet auch für das Bibelstudium.

Da Printmedien ihre Artikel oftmals im Internet archiviert haben, kann Verpasstes hier nachgeschaut werden. So findet sich im Netz beispielsweise auch das NZZ-Folio vom Dezember 1999 zum Thema Jesus, das vor allem durch seine guten Links zur Bibelkunde und zur feministischen Theologie zu begeistern vermag (www-x.nzz.ch/folio/archiv/1999/12/).

Jesus als Bildschirmschoner

Eine Webseite beschäftigt sich mit der bildlichen Darstellung von Jesus (http://www.clark.net/pub/webbge/jesus.htm). Über 500 Bilder sind in dieser virtueller Gemäldegalerie ausgestellt, ein schier unerschöpflicher Fundus, der über das Bild Jesu – auch über das eigene – nachdenken lässt. Jesus lässt sich sogar als Bildschirmschoner herunterladen. Der einzige Wermutstropfen an dieser Seite ist, dass jegliche Angaben zu den Bildern fehlen.

Auch eine Jesus-Webseite darf auf dem Netz nicht fehlen (members.aol.com/jesus316/index.htm). Sie beinhaltet dasselbe wie alle persönlichen Homepages: Bilder der Familie, Angaben zu sich selbst und seinen Hobbys, eine Linksammlung, E-Mail-Adresse und ein Gästebuch, in dem Surfer ihre Meinung zur entsprechenden Seite kundtun können. Letzteres ist freilich der interessanteste Teil dieser Homepage. Die Reaktionen reichen von wütenden Beschimpfungen und Anschuldigungen der Blasphemie (inklusive der Ankündigung, der Webmaster werde dereinst in der Hölle schmoren) bis hin zu Christen, die sich köstlich amüsieren und meinen, dass auch Jesus genug Humor hätte, um „seine“ Homepage zu mögen. Manche Surfer fühlen sich durch die Seite gar zu ernsthaften theologischen Diskursen herausgefordert. Wie ein Besucher treffenderweise bemerkte, ist die Seite allerdings weniger eine Parodie auf Jesus als eine Parodie auf Webseiten. Wer die Jesus-Seite eingerichtet hat, ist jedoch wie bei vielen privaten Webseiten nicht eruierbar.

„The Miraculous Winking Jesus“, zu deutsch der wundersam zwinkernde Jesus, befasst sich ebenfalls auf humorvolle Art mit Jesus (http://www.winkingjesus.com). Wer auf die Titelseite kommt, sieht ein Bild des freundlich lächelnden Jesus, der – oh Wunder – der staunenden Surferin zuzwinkert.

Annette Lingg

Die Autorin studiert Ethnologie und Filmwissenschaften an der Universität Zürich und ist zurzeit Praktikantin beim Katholischen Mediendienst
 
 
Anlässlich des diesjährigen Mediensonntages vom 4. Juni zum Thema „Zu Beginn des neuen Jahrtausends Christus in den Medien verkünden“ veröffentlicht ZOOM tip die vierteilige Reihe „Jesus in den Medien“. Weitere Beiträge werden „Jesus im Film“, „Jesus in der Werbung“ und „Jesus in der Rock- und Popmusik“ sein.