Jesus, Du weisst

Wir wissen es aus Talkshows: Menschen reden lieber über ihre Sexualität als über ihren Glauben. Das Verhältnis zu Gott ist offensichtlich intimer als die intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie intim, wie verletzlich, aber auch wie kurios dies sein kann, wird im Dokumentarfilm «Jesus, Du weisst» spürbar. Er zeigt sechs Menschen beim persönlichen Gebet. Sie halten Zwiegespräch mit Gott und setzen sich dabei der Kamera und mit ihr den Zuschauenden unmittelbar aus. Was anfangs zum Lachen, ja zum Auslachen reizt, wird je länger je berührender. Wer sich die ungewohnte Intimität nicht durch Gelächter vom Leib halten will, dem kommen die Betenden mit ihren Ängsten und Freuden, aber auch in ihrer Normalität recht nahe.

Der Österreicher Ulrich Seidl hat erneut einen Film vorgelegt, der zu Diskussionen Anlass gibt. In gewohnter Direktheit führt er nicht vorsichtig an sein Thema heran, sondern konfrontiert das Publikum unmittelbar damit. Visuell gestaltet er dies in einer konsequent strengen Form: grosse Räume, fixierte Kamera, symmetrische Bildkomposition. Anstelle von Filmmusik unterbrechen kirchliche Zwischengesänge die Porträts und strukturieren den Film geradezu liturgisch. Ein provokantes Dokument, das seine Figuren respektvoll behandelt, den Zusehenden jedoch einiges abverlangt.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

«Jesus, Du weisst», Österreich 2003, Regie: Ulrich Seidl, Dokumentarfilm mit Elfriede Ahmad, Waltraute Bartel, Hans-Jürgen Eder, Thomas Ullram, Angelika Weber, Thomas Grandegger, Verleih: LOOK NOW!, Internet: http://www.looknow.ch

Kinostart: 17. März 2005

Die Kritik zum Film des Monats kann hier als pdf-Datei geladen werden: http://www.kath.ch/pdf/filmtipp_0405.pdf