Im Maul des Leviathan
Das Kunsthaus Zürich zeigt bis zum 7. November die Ausstellung „Weltuntergang & Prinzip Hoffnung“. Zu sehen sind bildgewaltige Darstellungen des Untergangs, aber nur dürftige Visionen der Hoffnung.
Auf George Millers Gemälde „The End of the World“ (1830) fallen Tempel wie Kartenhäuser zusammen und Städte werden vom Erdboden verschluckt. Und auf Jacob Isaaksz Swanenburghs „Maul des Leviathan“ (1600) verschlingt der Riesendrache die Menschen lebendigen Leibes oder lässt sie in Rauch und Flammen untergehen. – Der erste Teil der Ausstellung „Weltuntergang & Prinzip Hoffnung“ ist den Bildern vom Ende gewidmet. Die Gemälde und Zeichnungen aus zwölf Jahrhunderten zeigen aber nicht nur Weltuntergangsszenarien. Auch Darstellungen von Erdbeben, Vulkan-ausbrüchen, Krieg und Seuchen sind zu sehen – Ereignisse, die als Weltuntergang erlebt werden, wenn man von ihnen ereilt wird. Viele der Visionen menschlicher Grenzerfahrungen bedienen sich biblischen Materials. Motive aus der Johannes-Apokalypse, die Sintflut, die ägyptischen Plagen und die Vertreibung aus dem Paradies sind oft gewählte Themen. Die Bilder scheinen einander in der farbigen Ausmalung alptraumartiger Zustände übertreffen zu wollen – hier kann man verweilen und sich, sei es amüsiert oder erschreckt, sattsehen. Von den zeitgenössischen Versuchen zum Weltuntergang beeindruckt Bruce Naumanns Videoinstallation „Anthro/Socio“ (1992), die mit den Bildern eines kahlköpfigen schreienden Mannes menschliche Angst und Ohnmacht zum Ausdruck bringt.
Realisiert wurde die „Weltuntergang und Prinzip Hoffnung“ vom renommierten 66-jährigen Ausstellungsmacher Harald Szeemann nach einer Idee des Kunsthistorikers und Schriftstellers Ernst Halter (61) sowie des Buchmachers Martin Müller (61). Die beiden Schweizer haben auch ein Buch veröffentlicht (siehe Kasten), welches einen Grossteil der ausgestellten Bilder zeigt und das Thema aus literarischer, naturwissenschaftlicher und soziologischer Sicht beleuchtet.
Kraftlose Hoffnung
Der Ausstellung zweiter Teil hinterlässt ein schales Gefühl. War man doch – nicht zuletzt aus theologischem Interesse – gespannt auf das verheissungsvoll klingende „Prinzip Hoffnung“. Doch was man zu sehen bekommt, ist mager. Zur Sprache kommen etwa die Prophezeiungen auf eine bessere „theosophische Welt“ des Rotkreuzgründers Henry Dunant. Im weiteren findet man Werke von Rudolf Steiner, Emma Kunz und Joseph Beuys, die bereits in der letzten Kunsthaus-Ausstellung „Richtkräfte für das 21. Jahrhundert“ zu sehen waren. Die „Olivestones“ von Beuys wieder einmal zu betrachten, ist zwar nett, aber was sie mit dem Thema zu tun haben, wird ebensowenig ersichtlich wie die Bedeutung der Botschaft des sogenannten Künstlerpaares Eva & Adele – „Futuring“ heisst ihr Motto. Auf einer Leinwand und drei Fernsehbildschirmen darf man zuschauen, wie Eva und Adele in rosaroten Plastikkostümen durch eine Zürcher Gasse spazieren oder endlos das Wort „Futuring“ vor sich her sagen.
Vielleicht entdeckt man das „Prinzip Hoffnung“ dann doch eher in den Darstellungen der brennenden und zerfallenden Welten – als Hoffnung auf eine befreiende Zäsur, eine Reinigung und einen Neuanfang. Wie letzterer aussehen könnte, bleibt in der Zürcher Ausstellung allerdings im Dunkeln.
Sabine Schüpbach
Die Ausstellung: „Weltuntergang & Prinzip Hoffnung“ bis 7. November im Kunsthaus Zürich.
Das Buch: Martin Müller und Ernst Halter: „Der Weltuntergang“ Offizin Verlag, 288 Seiten,
Fr. 69.-
Die Fernsehsendung: Sonntag, 5. September, 11.00 Uhr, SF1: „Sternstunde Philosophie: Visionen des Untergangs“. Ein Gespräch mit dem Ausstellungsmacher Harald Szeemann, dem Astrophysiker Arnold Benz, dem Psychoanalytiker Helmut Barz und dem Literaturwissenschaftler Alois Haas.
