«Ich war einfach nur still»

(medientipp) Am 7. April startet in den Kinos der Dokumentarfilm «Sonita», der die ungewöhnliche Geschichte der 19-jährigen gleichnamigen Protagonistin erzählt. Die gebürtige Afghanin lebte jahrelang als illegale Migrantin im Iran. Ihre Liebe zur Rap-Musik bewahrte sie schliesslich davor, an einen ihr unbekannten Ehemann verkauft zu werden: Mit Hilfe von Regisseurin Rokhsareh Ghaemmaghami nahm sie das Video «Brides for Sale» auf, das sich im Internet in Windeseile verbreitete. Kürzlich war sie zu Gast in Zürich und berichtete im Interview von ihren Erlebnissen und ihren Plänen.  

Sarah Stutte: Deine Familie ist vor dem Krieg in Afghanistan in den Iran geflüchtet. Doch nur du bist mit drei deiner Geschwister im Iran geblieben. Weshalb?
Wir sind tagelang gelaufen, es war Winter und sehr kalt. Nach ein paar Tagen haben wir Maschhad (850 km östlich von Teheran, nahe der Grenze zu Turkmenistan, d. Red.) erreicht und lebten dort zwei oder drei Jahre. Dann wurde mein Vater krank und musste zurück nach Afghanistan. Er hatte sehr starkes Heimweh und wollte nicht im Iran sterben.

Du hast dich dann jahrelang fast alleine durchgeschlagen. Wie hast du von dieser NGO-Schule erfahren, wo du dann auch Musikkurse besuchen konntest?
[bild56807|25872lw160h90c-]Mein Wunsch war es immer, im Iran zur Schule zu gehen. Ich durfte aber ohne Papiere keine staatliche Schule besuchen. Ich fand eine Moschee, in der mir Lesen und Schreiben beigebracht wurde. Ich hörte von dieser NGO, die sich für Strassenkinder einsetzte und setzte dort meine Schulausbildung fort. Es war keine grosse Schule, aber die einzige Möglichkeit für Kinder, die keine Papiere hatten. Neben den Musikkursen, wo ich Klavier und Gitarre spielen lernte, war ich auch in einer Fotografie-Klasse. Meine ehemalige Schulleiterin hat mich immer unterstützt.

Kannst du dich daran erinnern, was du gefühlt hast, als deine Mutter dich besuchte und sagte, dass du nun heiraten musst?
Ich konnte nichts sagen, ich war einfach nur still. Ich wusste, nach meinen Schwestern bin jetzt ich an der Reihe. Ich habe in dem Moment fieberhaft über Lösungen nachgedacht. Rokhsareh (die Regisseurin, d. Red.) hat mir sehr geholfen. Sie hat meiner Mutter vor ihrer Abreise Geld bezahlt, damit ich bleiben kann. So konnte ich mich vollends auf die Musik konzentrieren und das Video aufnehmen.

Deine Mutter hat in dieser Szene gesagt, dass afghanische Mädchen nicht zum Singen, sondern zum Kochen und Heiraten gemacht sind. Woher hast du deine andere Weltsicht, wenn alle um dich herum so strikt an diesen Traditionen festhalten?

Ich denke, dass ich einfach fähig war, meine Träume vor mir zu sehen. Zu glauben, dass es andere Möglichkeiten für meine Zukunft geben kann. Ich muss nicht eine Frau und Mutter sein und zuhause bleiben. Meine Schwestern hatten immer blaue Flecken im Gesicht, ich wollte nicht wie sie werden. An positive Dinge zu denken, hat mir viel Kraft gegeben. Ich habe sehr für meine Träume gekämpft und mir immer wieder gesagt, dass ich es schaffe. Auch wenn es unmöglich erschien. Weil meine Familie so traditionell ist, wusste ich, dass es sehr schlimm für mich werden würde. Aber ich dachte, das ist immer noch besser, als in Angst zu leben.

Wie bist du auf die Idee zu «Brides for Sale» gekommen? Wolltest du damit generell ein Zeichen setzen oder in erster Linie auf deine Situation aufmerksam machen?
[bild56808|25872rw160h90c-]Beides. Ich habe in dem Song meine eigene Erfahrung und die meiner Freundinnen verarbeitet. Jeden Tag in der Schule habe ich gesehen, wie sie unter dieser schrecklichen Situation leiden. Ich wollte ihnen eine Stimme geben. Damals wusste ich noch nicht, dass Kinderheirat überall auf der Welt passiert. Ich dachte, es geschehe nur in Afghanistan. Erst als ich in den Staaten war und Internet hatte, realisierte ich die Tragweite. Es war ein grosser Schock für mich, zu sehen, dass 50 Millionen Mädchen jedes Jahr zur Heirat gezwungen werden. In vielen Teilen der Welt haben Mädchen keine Chance zu sagen, was sie wollen. Sie haben keine Rechte.

Hattest du keine Angst vor der Reaktion deiner Familie?
Doch und vor den Reaktionen der Menschen in Afghanistan. Ich wusste ja nicht, was passieren würde. Aber ich entschied mich dazu, den Song auf Youtube zu stellen, weil ich wirklich meine Story erzählen und meine Gefühle mit anderen teilen wollte. Als die Leute den Song likten und positive Kommentare schrieben, war ich erleichtert. Auch die Beziehung zu meiner Familie ist nun besser als vorher. Sie haben realisiert, dass ich für mich selbst einstehen kann.

Was erwartest du von deiner Zukunft?
Ich habe sehr viele Pläne. Natürlich möchte ich einen guten Abschluss machen. Ich würde gerne mit betroffenen Familien arbeiten, um ihnen zu zeigen, warum Kinderheirat falsch ist. Wie sehr es die Kinder verletzt und wie sie neue Wege finden können. Sie lieben ihre Töchter, doch sie kennen keine anderen Lösungen. Ich wünsche mir, dass sie meinen Film sehen und Hoffnung bekommen. Ich möchte auch mit politischen und religiösen Oberhäuptern sprechen, damit diese traditionellen Bestimmungen geändert werden.

Planst du, noch einmal nach Afghanistan zurückzukehren, um dort bei deiner Familie zu leben?
Ich werde nach meinem Schulabschluss zurückgehen. Das Land braucht eine Veränderung. Ich weiss nicht, wie lange ich dort bleiben werde. Ich sehe mich eher als Reisende, schon weil ich viele Konzerte geben möchte und mit möglichst vielen verschiedenen Menschen sprechen will. Ich mag mein Leben jetzt, denn ich kann anderen helfen.

Das Interview führte Sarah Stutte, Filmjournalistin