Ich träume, also bin ich
Was ist wirklich, was ist richtig, was ist wahr? Wem und was, welchen Bildern und Inhalten kann man glauben? Diskussionen um die jüngste Berichterstattung in Kriegssituationen haben gezeigt, dass selbst Nachrichten und sogenanntes Reality-TV mehr Schein als Sein bieten. Die Kehrseite dazu ist seit Jahrzehnten die Traumfabrik Kino mit ihren Spielfilmen, die verlocken: „Geh ins Kino und mach Dir ein paar schöne Stunden, um den Alltag und dich selbst zu vergessen. Schalte ab, nimm teil am Traum von der grossen Liebe und dem Happy End. Das eigene Leben ist genauso ein Traum wie die laufenden Bilder auf der Leinwand. In Filmen sind die eigenen Lebensträume stellvertretend und als Alternative auszuleben.“ Film ist Traum, doch wie wird im Film der Traum dargestellt?
Seit 1989 besteht die Internationale Forschungsgruppe „Film und Theologie“, die mit „Traumwelten. Der filmische Blick nach innen“ ihre vierte Veröffentlichung im Schüren Verlag vorgelegt hat. Nach der vorhergehenden Beschäftigung mit Gewalt im Film und Opfertheologie (Bd1), dem theologischen Gehalt von Komödien (Bd2) und der Darstellbarkeit und Gestalt von Weltreligionen im Film (Bd3) haben sie wiederum ExpertInnen wie die Psychoanalytikerin Mechthild Zeul oder den Freud-Experten Hartmut Raguse gewonnen, um Grundlagen für ein Thema zu schaffen, das in zehn verschiedenen Zugängen erschlossen wird. Im Mittelpunkt stehen dabei die Analysen von Traumstrukturen und Traumsequenzen in zeitgenössischen Filmen, zugleich eine Einführung in das Werk ihrer bedeutendsten Vertreter: unter anderem David Lynch, der nicht nur mit seinem letzten Werk „Mulholland Drive“ viele Zuschauer so tief in seine Welt der Subjektivierung und Irrealisierung geführt hat, dass sie – verstört und verwundert – kaum mehr herausgefunden haben (Charles Martig). Peter Weir, der mit Filmen wie „Der einzige Zeuge“ oder „Die Truman Show“ sich als Traumwandler zwischen Welten bewiesen hat, die schmerzhaft die gewählte Existenz als kontingent hinterfragen (Thomas Binotto). Träume waren schon immer ein beliebtes Mittel, um in Filmen Stimmungen und Ängste zu transportieren. So dürfen zwei Altmeister nicht fehlen, die eine ganz eigene Geschichte mit Religion und Theologie aufweisen: Der Surrealist und Gesellschaftskritiker Luis Buñuel und der Spezialist für Introspektionen und Sinnsuche Ingmar Bergman (Moritz Geisel und Dietmar Regensburger)
Zeitgenössisches Kino ist, so die These des Sozialethikers und Moralphilosophen Walter Lesch, darüber hinaus ein sozialer Ort des Träumens und Erinnerns mit Filmen als Träger von Träumen, die gelingendes Leben deuten und bewältigen. Im einführenden Beitrag zu Traumwelten unternimmt er hierzu eine kenntnisreiche Spurensuche zum Thema Traum in Theologie und Philosophie, wobei Descartes und Stanley Kubrick, Paulus und Siegfried Kracauer eine interessante Melange eingehen. Ein Zitat von Wim Wenders, dem bekanntesten deutschen Regisseur mit einem Faible für Träume, dessen „Bis ans Ende der Welt“ Lesch ebenfalls untersucht, könnte über dem gesamten Band stehen: „Ich rede von Filmen, die eine Seele haben, denen man ein Zentrum anmerkt, die eine Identität ausstrahlen. Die sind allesamt ‚erträumt´ worden, da bin ich sicher.“
Einer, der so spannend wie wohl keiner seine Träume, seine Alpträume, verfilmte, fehlt leider: Alfred Hitchcock. Dafür gibt es am Ende des Aufsatzbandes eine Entdeckung zu machen, die sich lohnt: Die französische Filmemacherin Laetitia Masson mit ihrem 2000 entstandenen Werk „Love me“. Ulrike Vollmer interpretiert die irritierende Geschichte einer jungen Frau und ihrer unerfüllten Liebesverstrickungen zu einem alternden Rocksänger (gespielt von Johnny Hallyday) aus feministischer Sicht, Matthias Müller deutet mit Hilfe von Stichworten wie Gnade, Gerechtigkeit und Erlösung den unbequemen Traum der Wirklichkeit von Liebe. „Film und Theologie“ wagen sich, gerade mit diesen letzten Beiträgen, in dankenswerter Weise auch an jüngste Entwicklungen, die zwischen Autorenkino und Hollywood neue Wege gehen. „Der Blick nach innen“ ist keine einfache Bettlektüre. Für alle, deren Blick beim Betrachten von Filmen nicht am Zelluloid hängen bleibt, bietet er – zum Einsteigen und Vertiefen – inspirierende Ansichten und Einsichten zum Traum, der sowohl den Film, wie auch Wirklichkeit und Glaube umfasst. Kurze Kritiken zu den besprochenen Filmen sowie eine sorgfältige Auswahlbiographie tragen zum Informationswert bei – und das alles für die ansprechende Aufmachung zu einem erstaunlich günstigen Preis.
Julia Helmke
Charles Martig / Leo Karrer (Hg.) (2003): „Traumwelten. Der filmische Blick nach innen“. Film und Theologie Bd. 4, Schüren Verlag, Marburg, 240 Seiten, mit Abbildungen, SFr. 26.00, Euro 14.80, ISBN 3-89472-341-6.
Mit Beiträgen von Thomas Binotto, Matthias Brütsch, Moritz Geisel, Walter Lesch, Charles Martig, Matthias Müller, Hartmut Raguse, Dietmar Regensburger, Ulrike Vollmer und Mechthild Zeul.
Information: http://www.schueren-verlag.de/autor/Traumwel.htm
