Herr Zwilling und Frau Zuckermann

Das Porträt zweier Überlebender des Holocaust in Czernowitz, das von der Gegensätzlichkeit ihres Charakters lebt, erinnert an die schlimmsten Verbrechen dieses Jahrhunderts und an eine weit gehend verschwundene ostjüdische Kultur.

„Also Herr Zwilling, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, kommt seit sechs Jahren zu mir ins Haus und jeden Abend mit einer Hiobsbotschaft, jeden Abend muss ich ihm einreden, dass das Leben weitergeht und dass es nicht so arg ist, wie es ausschaut und morgen wird es besser. Ohne böse Nachrichten kommt er überhaupt nicht, jeden Abend hat er eine neue.“ Frau Rosa Roth-Zuckermann ist 90, ihr Kavalier Mathias 70. Beide gehören zu den letzten noch im alten Czernowitz geborenen Juden. Sie haben die vom faschistischen Rumänien, von den Deutschen und von Stalin verordneten Deportationen in die Todeslager überlebt. Die meisten ihrer Angehörigen sind dabei umgekommen.
Czernowitz, in der westukrainischen Bukowina gelegen, war einst Mittelpunkt einer Grenzlandschaft, die über Jahrhunderte von einem Vielvölkergemisch (Ukrainer, Rumänen, Polen, Deutsche, Huzulen und andere) geprägt war – mit wechselnder Obrigkeit: einst Kronland Österreich-Ungarns, dann Rumänien zugeschlagen, gehörte es schliesslich nach dem Hitler-Stalin-Pakt zur Sowjetunion. Mit einem über 50-prozentigen Bevölkerungsanteil der Juden und 55 Synagogen war Czernowitz ein Zentrum ostjüdischer Kultur.
Neben ihrer Freundschaft – sie sagen immer noch respektvoll Sie zueinander – verbindet die beiden alten Menschen nicht zuletzt die deutsche Sprache. An ihren abendlichen Treffen sehen die beiden fern, lesen Zeitung, erinnern sich an frühere Zeiten oder schweigen. Sie sprechen über gemeinsam Erlebtes, über das Schicksal ihrer Angehörigen, über alltägliche Sorgen, Politik und Literatur. Frau Zuckermann zitiert François Villon und Heinrich Heine, Rilke ist ihr lieber als der in Czernowitz geborene Paul Celan. Trotz ihres schweren Schicksals besitzt die 90-Jährige eine unverwüstliche Vitalität und spricht eine gestochen klare Sprache, in der immer wieder lakonischer Sarkasmus und jiddischer Mutterwitz aufblitzen. Charakterlich völlig gegensätzlich ist Herr Zwilling, der mit seinen traurig blickenden Augen und den hängenden Mundwinkeln die Last einer unendlichen Trauer verkörpert. Ihre Auftritte wirken manchmal wie Szenen eines absurden Theaterstücks. „Noch einmal einen Hitler oder Stalin wird es nicht geben“, sagt Frau Zuckermann. Darauf Herr Zwilling: „Es kommt wahrscheinlich ein schwerer Winter.“ Die Optimistin und der Pessimist – das ungleiche Paar bildet das eigentliche Kraftzentrum dieses bewegenden Dokumentarfilms.
Das Werk von Volker Koepp, seiner Mitautorin Barbara Frankenstein und dem Kameramann Thomas Plenert besteht aber nicht nur aus dem Porträt von Zwilling/Zuckermann. Die beiden bilden eine Art Klammer, die weitere Themen und Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart von Czernowitz zusammenhalt. Zwischen die Szenen, in denen die beiden Alten von ihrem Leben und ihren umgebrachten Angehörigen erzählen, sind stimmungsvolle Landschaftsbilder, Aufnahmen des teilweise von Pflanzen überwucherten Judenfriedhofs, Strassenszenen und Episoden aus Schule und Synagoge (eine davon ist richtiger Slapstick!) eingefügt – Bildpassagen, die Raum bieten zum „Atmen“, zum Nachdenken über die ungeheuerlichen Unmenschlichkeiten, die unser Jahrhundert und das Leben dieser Menschen prägten. Zahlreich sind auch die Verweise auf das „Inszenierte“ des Dokumentarischen, so etwa wenn eine alte, gebrechliche Huzulin, deren Familie der Habgier eines rumänischen Bauern zum Opfer gefallen ist, in die Kamera fragt: „Soll ich lachen?“ Eine der grossen Qualitäten dieses Films besteht darin, dass er sein tragisches Thema immer wieder spielerisch reflektiert, dabei aber nie den Respekt vor den Porträtierten und deren Würde verliert.

Franz Ulrich

Herr Zwilling und Frau Zuckermann, Deutschland 1999, Regie: Volker Koepp

Film des Monats Dezember 1999