Gute Unterhaltung mit Nebeneffekten
Die amerikanische Serie „PICKET FENCES – TATORT GARTENZAUN“ auf SAT1 gilt als Krimi-Reihe, doch sie ist mehr als das. Gesellschaftliche Probleme werden sorgfältig dargestellt und ausgewogen diskutiert. Deshalb soll sie hier als ethisch interessante „Bildungs -Mithilfe“ vorgestellt werden.
Die Serie „Picket Fences“, auf deutsch „Tatort Gartenzaun“, spielt in der idyllischen Stadt Rome im amerikanischen Staat Wisconsin. Hier ergeben sich immer wieder Schwierigkeiten im menschlichen Zusammenleben. Neben den alltäglicheren Problemen ereignen sich aber auch merkwürdige Vorfälle – so werden etwa erkrankte Kinder durch Handauflegung wieder gesund -, mit denen die Bewohner zurechtzukommen haben. In den dargestellten Konflikten geht es um Themen wie Gerechtigkeit, Öffentlichkeit, Rassismus, Minderheiten in der Gesellschaft und Religion.
Die eigentlichen Hauptfiguren der Serie sind die Mitglieder der Sheriffsfamilie „Brock“: Der Sheriff, ein äusserst gerechter und der Prinzipien bewusster Mann, seine Frau, eine erfolgreiche Ärztin und die drei Kinder. Der Alltag jedes einzelnen Familienmitglieds wird separat dargestellt. Mit diesem Verfahren werden verschiedenartige Wahrnehmungen und Anschauungen zum jeweiligen Thema aufgezeigt, und der Zuschauer oder die Zuschauerin erhält aus verschiedenen Blickwinkeln Einsicht in den Problemfall. So begegnet der jüngste der Familie, „Zac“, den dargestellten Problemen auf einer anderen Stufe als seine Mutter. Mit raffiniertem und tiefgründigem Dialog werden die einzelnen Szenenabläufe miteinander verknüpft und stellen so einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Standpunkten her.
Gleichberechtigte Teilnahme des Publikums
Grundsätzlich geht es in „Picket Fences“ immer um kleinere oder grössere Problemfälle, die vor den Stadtrichter gelangen und somit öffentlich werden. Sei es nun der Fall eines Radiosprechers, der öffentlich zu einem Mord aufrief, oder die Frage nach der weiteren Lehrbefugnis eines transvestitischen Lehrers. Der Richter ist eine wesentliche Person, weil er die vorgebrachten Fälle intellektuell und objektiv behandelt. Oft entsprechen seine Entscheide nicht einer selbstverständlichen, allgemeinen Meinung. Auch bei Themen, die ihn zum Teil überfordern – etwa bei der Ermordung eines Kleinkindes -, versucht er zu verstehen, um gerecht entscheiden zu können.
Der Gerichtsprozess ist eine geeignete Darstellung von Pro und Kontra zu den umstrittenen Fällen. Die gegensätzlichen Standpunkte kommen alle zur Sprache, werden in gleicher Breite geschildert und gleichermassen gewichtet. Es wird nicht versucht, den Zuschauer oder die Zuschauerin für einen be-stimmten Standpunkt zu gewinnen. Durch diese objektive Darstellung wird dem Publikum gleichbe-rechtigte Teilnahme, eine freie Meinungsbildung und zwanglose Stellungnahme ermöglicht.
Unterhaltung und Bildung
Die deutliche Funktion der Unterhaltung erbringt die Serie mit ihren humorvollen Seiten, die von piffigen und witzigen Dialogen unterstrichen werden. Der Anwalt „Wambaugh“ ist der humorbetonteste Charakter. Er ist stets der Verteidiger der Schwachen, wie er fast in jeder Folge betonen muss, und immer zum Scherzen aufgelegt. Vor allem aber die Hervorhebung der emotionalen Seite gibt „Picket Fences“ den ausdrücklichen Schein einer typischen amerikanischen Unterhaltungsserie. Gerade durch die Funktion der Unterhaltung und auch der Entspannung schafft es die Serie, eine Zwanglosigkeit aufrechtzuerhalten. So kann sie einen erfolgreicheren Kontakt zu ihrem Publikum herstellen.
Die „Nebeneffekte“ der Unterhaltung erbringt „Picket Fences“ durch den erzieherischen Charakter. Indem die Serie zu den diskutierten Themen keine Stellung bezieht und dadurch nicht zu beeinflussen versucht, regt sie zu einem „gesunden“ Nachdenken an, das zur Erweiterung des Wissens führen kann. „Picket Fences“ kann sowohl private wie auch öffentliche Problemfälle in den Gesprächsstoff der fernsehschauenden Familie bringen. Durch einen eindeutigen Unterhaltungscharakter vermittelt sie problematische Themen, mit denen man sonst nicht in Kontakt käme. Durch die ojektive Darstellung werden dem Zuschauer Einblicke in soziale Schichten – und deren Probleme – ermöglicht, zu denen er selbst nicht gehört.
„Picket Fences“ darf man durchaus als wertvoll bezeichnen, weil die Serie uns mit komplexen Themen eine Orientierung in einer noch komplexeren Gesellschaft geben kann. Sie ist ein guter Tip für eine Kombination von Unterhaltung und Denkanstössen für unseren Alltag.
Iona Pop
Die Autorin hat Journalistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Fribourg studiert.
„Picket Fences – Tatort Gartenzaun“
Krimi-Serie, USA 1994
Mit: Tom Skerritt, Kathy Baker, Fyvush Finkel, Lauren Holly und vielen mehr.
Sendezeiten: Montag bis Freitag von 15.00 bis 16.00 Uhr auf SAT 1
„Picket Fences“ wird noch bis zum 16. Oktober 1998 ausgestrahlt.
