Gloria

Immer häufiger sind die Helden im Kino unscheinbare Männer und Frauen fortgeschrittenen Alters, die ein unspektakuläres Leben führen. Auch Gloria gehört zu ihnen. Sie ist Ende 50, arbeitet irgendwo in einem Büro und hat kaum Kontakt zu ihren vielbeschäftigten Kindern. Abends scheucht sie die Nacktkatze des Nachbarn aus ihrer Wohnung. Hin und wieder besucht sie einen Nachtclub und hofft, einen Mann kennen zu lernen. Der charmante Rodolfo, der einen Vergnügungspark besitzt, scheint der Richtige zu sein. Doch selbst in den romantischsten Momenten geht er ans Mobiltelefon und rasch merkt Gloria, dass er sich noch immer von seinen Töchtern und der Ex-Frau tyrannisieren lässt.

Die Spannungen, Enttäuschungen und schwierigen Verhältnisse in Glorias und Rodolfos Familie werden nur angetippt – und so leicht und flüchtig ist auch der Film montiert. Er wirkt wie eine Sammlung von Schnappschüssen und Episoden, die einiges an Komik bergen und doch die Einsamkeit der Hauptfigur sensibel zum Ausdruck bringen. Eine Entwicklung macht Gloria kaum durch, und das unterscheidet sie denn auch von gleichaltrigen Protagonisten aus anderen Filmen. Gloria verwirklicht keine verrückte Idee, und sie findet auch das grosse Glück nicht. Sie wird enttäuscht, lässt sich aber nicht unterkriegen und zeigt sich von einer amüsant energischen Seite – um am Ende im Nachtclub wieder Ausschau zu halten.

Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch

«Gloria», Spanien / Chile 2012, Regie: Sebastián Lelio; Besetzung: Paulina García, Sergio Hernández, Diego Fontecilla; Verleih: Filmcoopi Zürich, http://www.filmcoopi.ch

Kinostart: 12. September 2013

«Gloria» wurde bei der Berlinale 2013 von der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Kath.ch war bei der Preisverleihung und hat Regisseur Sebastián Lelio interviewt.