Geschichten, die das Leben schreibt
„Docu Soaps“ ist der Name eines neuen TV-Genres, das zusehends beliebt wird. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Dokumentarfilm und Elementen der Seifenoper: „Docu-Soaps“ sind Dokumentationen, in der „richtige“ Menschen ihr normales Leben führen – und dabei von den Fernsehzuschauer/-innen beobachtet werden können. Mittlerweile produzieren auch Fernsehstationen im deutschsprachigen Raum „Docu Soaps“. So etwa der Kulturkanal ARTE. Eine Folge seiner Serie „Geburtsstationen“, die Ende März ausgestrahlt wird, konnten wir uns anschauen.
„Docu Soaps“ sollen „das Leben in Szene setzen, ohne es zu inszenieren“ – so formuliert es ARTE. Die „Docu Soaps“ auf dem Kulturkanal erzählen in vier halbstündigen Folgen eine abgeschlossene Geschichte. Von entscheidender Bedeutung sind dabei die Protagonisten/-innen. Sie sind allesamt Laien, sollen sich selbst spielen und dabei zu Identifikationsfiguren für die Zuschauer/-innen werden. Damit dies gelingt, müssen Kamera und Filmteam möglichst klein und unauffällig sein. Per Fernbedienung etwas vom „wahren Leben“ anderer Menschen zu erfahren – darin liegt wohl der Reiz der „Docu Soaps“.
Sind „Docu Soaps“ besseres „Reality TV“?
Die Reihe „Geburtsstationen“, die vom 29. März bis 1. April auf ARTE ausgestrahlt wird, wurde im „Rudolf-Virchow-Klinikum“ in Berlin gedreht. Dort befindet sich die grösste Geburtstation Deutschlands. In vier Folgen berichtet „Geburtsstationen“ von den Ärzten, Hebammen und Kinderschwestern, die dort rund um die Uhr im Schichtdienst arbeiten und dabei mit den unterschiedlichsten Schicksalen konfrontiert werden.
Im ersten Moment wirkt die erste Folge „Ein Baby lässt auf sich warten“ wie eine bessere „Reality TV“-Sendung. Die Kamera ist ständig nahe am Geschehen. Obwohl den hektischen Szenen immer wieder ruhige Sequenzen folgen, läuft der Film auf den einen dramatischen Moment zu und will vor allem die Gefühle der Zuschauer/-innen ansprechen: Wird es dem Anästhesisten gelingen, der soeben eingelieferten Frau Hoffmann die ersehnte Rückenmarksbetäubung gegen die gefürchteten Geburtsschmerzen zu geben?
Bei näherem Hinsehen bemerkt man dann doch Unterschiede zu einem „Reality TV“ – Beitrag, wie er beispielsweise auf RTL oder einem anderen Privatsender zu sehen ist. Die „Docu Soap“ kommt fast ohne Kommentar aus, urteilt so nicht über das Gezeigte und lässt die Bilder für sich selbst sprechen. Nur dort, wo eine Erklärung zum Verständnis notwendig ist, wird ein Sprecher eingesetzt. Auch mit Musik wurde sparsam umgegangen. Ausserdem kann man in „ein Baby lässt auf sich warten“ tatsächlich etwas lernen. Man erhält Einblick „hinter die Kulissen“ eines grosses Spitals und in den Arbeitsalltag der Menschen, die dort angestellt sind.
Der Zuschauer sitzt in der ersten Reihe
Trotzdem beschleicht den Zuschauer das Gefühl, ein heimlicher Voyeur zu sein. Nach der Geburt eines Knaben, die ohne Komplikationen verläuft, bekommt man Frau Hoffmanns Schmerzen und ihre Furcht vor der Geburt hautnah vorgeführt. Um zu erfahren, wie die Geburt verläuft, muss man sich allerdings eine Woche gedulden – sie findet erst in der nächsten Folge statt.
Bleibt die Frage, welche Themen für die „Docu Soaps“ aufgegriffen werden, nachdem wir uns an den Hebammen, Oberärzten und Gebärenden, an den Arbeitslosen und an den Stierkämpfern (siehe Kasten) sattgesehen haben. Die Gefahr des neuen Genres liegt vielleicht darin, dass man immer spektakulärere Themen finden müssen wird, um den Reiz der Geschichten aus dem „wahren“ Leben zu bewahren.
Die weiteren Sendungen der Reihe „Geburtsstationen“:
Geburt auf dem Seitenstreifen
Dienstag, 30. März, 20.15 Uhr
Frau Hoffmann bringt in einer schwierigen Geburt ihren Sohn zur Welt. Ein anderes junges Paar schafft den Weg zur Klinik nicht mehr. Ihr Kind kommt auf der Autobahn zur Welt.
Es tobt das wilde Leben
Mittwoch, 31. März, 20.15 Uhr
Eine Aids-infiszierten Mutter kommt zur Geburt in die Klinik. Nur eine spezielle Kaiserschnitt-Technik kann eine Ansteckung des Kindes verhindern.
Das Baby ohne Namen
Donnerstag, 1. April, 20.15 Uhr
Die Hebamme Ruth Henschel ist traurig, als eine Patientin beschliesst, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben. Gleich nach der Entbindung trennen sich die Wege von Mutter und Tochter.
Weitere „Docu-Soaps“ auf ARTE:
„Ich schaff´s allein!“
Montag, 19.4. bis Donnerstag, 22.4. Jeweils 20.15 Uhr
Die Geschichte von sechs Arbeitslosen, die beschlossen haben, einen Ausweg aus ihrer schwierigen Situation zu finden. Dank der Unterstützung durch die ADIE (Verein zur Verteidigung des Rechts auf Wirtschaftsinitativen) zeichnet sich in ihrem Alltagsleben eine Verbesserung ab.
Hochzeit
Montag, 17.5. bis Donnerstag 20.5. Jeweils 20.15 Uhr
Der Film begeleitet das junge Paar Astrid und Stéphane auf ihrem schwierigen Weg in die Ehe. Hinter den beiden Verliebten stehen zwei Familien mit unterschiedlichen Traditionen, Überzeugungen und Werten.
Die Schule der jungen Matadore
Montag, 14.6. bis Donnerstag 17.6. Jeweils 20.15 Uhr
Von Schülern und Meistern der Stierkampfschule in Arles.
