Gelungenes Doppel-Jubiläum am Filmfestival in Nyon
(medientipp) Der Dokumentarfilm aus den verschiedensten Regionen der Welt stand vom 25. April bis 3. Mai 2014 im Zentrum der 45. Internationalen Festivalausgabe in Nyon. Zugleich wurde die 20. Ausgabe des Visions du Réel gefeiert. Der Sesterz als Preis nahm in frühen Festivaljahren Bezug auf den römischen Ursprung der einst wichtigsten Stadt am Genfersee. Nun ist der Sesterz als Preistrophäe von Nyon wieder im Umlauf in alle Welt: Hans Hodel, der Jurykoordinator von Interfilm, nimmt Sie mit auf eine Reise zu den Anfängen des Festivals und in die drei geografischen Regionen, in denen die ersten Sesterzen verbreitet werden. Dazu gehören Lateinamerika, der Mittlere Osten und Osteuropa. Aber auch die Beiträge vom afrikanischen Kontinent haben einen starken Eindruck hinterlassen, die Früchte des einheimischen Filmschaffens dürften bald im Kino zu sehen sein und was in all ihren Facetten nicht fehlen darf, ist die Liebe.
Das Visions du Réel, das einzige Dokumentarfilmfestival der Schweiz, macht eine erfolgreiche Entwicklung durch und hat einen hervorragenden Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. Es ist eines der international bekanntesten Festivals im Bereich der Dokumentarfilmproduktion und kann sogar zu den vier wichtigsten gezählt werden. Das aus dem ursprünglich im Städtchen Rolle organisierte Amateurfilmfestival hervorgegangene internationale Dokumentarfilmfestival Nyon wurde 1969 gegründet und über viele Jahre von Moritz und Erika de Hadeln geleitet. 1995 wurde es als Festival Visions du Réel neu strukturiert und Jean Perret mit der Direktion betraut. Zusammen mit Gaby Bussmann verlieh er dem Dokumentarfilm in Nyon neue erfolgreiche Impulse. Im Rahmen einer kleinen Geburtstagsfeier wurden alle bisherigen Präsidenten des Festivals geehrt.
Von der ökumenischen zur interreligiösen Jury…
Anzumerken ist, dass das Festival schon immer das Interesse der kirchlichen Filmbeauftragten in der Schweiz fand. Von 1978 bis 1995 beurteilte eine ökumenische Jury das Wettbewerbsprogramm für lange Filme. Seit 2005 vergibt auf Einladung von Signis und Interfilm eine interreligiöse Jury mit je einem Mitglied der beiden Landeskirchen und je einer Person jüdischen und muslimischen Glaubens den Preis der Interreligiösen Jury. Der Preis geht wie früher an einen langen Film aus dem internationalen Wettbewerb und ist mit 5‘000 Franken dotiert. Das Preisgeld wird zurzeit gestiftet von der Katholischen Kirche Schweiz und Médias-Pro, dem Mediendepartement der Konferenz der Reformierten Kirchen der französischen Schweiz (CER).
… und zum ersten Goldenen Sesterz für das Gesamtwerk von Richard Dindo
Neben über elf Sektionen – wie den internationalen Wettbewerben für kurze, mittlere und lange Filme oder den Hélvetiques – gab es auch Ateliers mit Ross McElwee und Pierre-Yves Vanderweerd, einen Fokus auf das Filmland Tunesien oder eine Richard Dindo gewidmete Retrospektive. Der international bekannte Schweizer Dokumentarfilmer erhielt den erstmals verliehenen Preis Maître du Réel – Le Sesterce d’or Prix Maître du Réel. Die über 180 in Nyon gezeigten Filme aus 51 Ländern wurden von der Kritik und den Jurys positiv aufgenommen. «Die Liste der Preisträger 2014 illustriert die internationale Offenheit des Festivals sowie die umfangreiche Recherchearbeit des Auswahlkomitees, welches das ganze Jahr über rund um den Globus reist», erklärte Festivaldirektor Luciano Barisone.
Mexiko schwingt mit «Café» obenauf
Mit Lateinamerika, dem Mittleren Osten und Osteuropa stechen drei geografische Regionen bei den diesjährigen Preisträgern heraus: Allein sechs Preise gingen an Filme aus Lateinamerika, darunter der Goldene Sesterz La Poste für den besten Langfilm im internationalen Wettbewerb. «Café (Cantos de humo)» des Mexikaners Hatuay Viveros Lavielle erhielt auch von interreligiösen Jury eine lobende Erwähnung (siehe Kasten). Zwei Preise gingen an Filme aus dem Mittleren Osten, darunter der Goldene Sesterz George Foundation für mittellange Filme an «Mashti Esmaeil» von Mahdi Zamanpoor aus dem Iran. Osteuropa heimste drei Filmpreise ein, darunter der Goldene Sesterz Die Mobiliar für den besten Kurzfilm für «Autofocus» von Boris Poljak aus Kroatien. Die interreligiöse Jury zeichnete den in Abchasien situierten Film «Domino Effect» von Elwira Niewira und Piotr Rosolowski aus (siehe Kasten).
Sierra Leone und Südafrika – zwei Blickpunkte
Obwohl vom Preissegen nicht bedacht, blieben zwei in Afrika spielende Filme im Gedächtnis haften: «Shado’Man» von Boris Gerrets begleitet nachts in der lärmenden Stadt Freetown in Sierra Leone vorurteilslos eine Gruppe heimatloser und körperbehinderter junger Menschen. Im Mittelpunkt von «Life in Progress» stehen drei junge Leute aus zerrütteten Familien in einem Township bei Johannesburg. Sie begegnen sich in der vom Choreographen Jerry betreuten Tanzgruppe Taxido, wo sie Förderung und Lebensunterhalt finden. Im Katalog zur schweizerisch-südafrikanischen Co-Produktion ist nachzulesen, dass Irene Loebell eine figurenbezogene Momentaufnahme einer neuen südafrikanischen Generation geschaffen habe, «die die Apartheid nicht kannte und voller Leben und Hoffnungen steckt, um Zukunftsperspektiven aber weiterhin kämpfen muss».
Sesterzen für die Schweiz – bald im Kino zu sehen
Unter den Preisträgern in Nyon befinden sich auch vier Schweizer Filme, darunter zwei Koproduktionen: «El Tiempo Nublado» der paraguayischen Filmemacherin Arami Ullon ist eine majoritäre Schweizer Koproduktion und erzählt die Geschichte über eine früh an Epilepsie und Parkinson erkrankte alleinstehende Mutter. «El Tiempo Nublado» wurde mir dem Sesterce d’argent Canton de Vaud in der Sektion Regard Neuf für den besten langen Film ausgezeichnet und finanziell von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich unterstützt. Cineworx bringt den Film im kommenden Winter in die Deutschschweizer Kinos bringen.
«Thuletuvalu» von Matthias von Gunten, der mit eindrücklichen Bildern aus dem grönländischen Thule und im Kontrast dazu aus dem polynesischen Inselstaat Tuvalu den Anstieg des Meeresspiegels und seine Folgen belegt, erhielt den Silbernen Sesterz SRG SSR für den besten Schweizer Film aller Sektionen gewonnen. Voraussichtlich bringt ihn Look Now Ende Oktober in die Kinos. «Je suis FEMEN» von Alain Margot, der die furchtlosen Kämpferinnen der Oben-Ohne-Protestbewegung aus der Ukraine aufgreift, wurde der Preis der SSA/Suissimage-Jury für den innovativsten abendfüllenden Schweizer Film zugesprochen. Die anwesenden – heute im Exil lebenden Protagonistinnen – fanden ein besonderes Presseecho. Filmcoopi bringt «Femen – Mit Leib und Seele» am 22. Mai in die Schweizer Kinos.
Jugendliche Filmemacher, Blogerinnen als Filmkritikerinnen…
«Dieses Jahr haben wir in zwei Bereichen zugelegt: sowohl bei den Teilnehmern an den Schulvorführungen (+15%) wie auch bei den Lehrpersonen, die an Seminaren zur Förderung der Kinokultur in der Schule teilgenommen haben», freute sich Philippe Clivaz, Generalsekretär des Festivals, bei der Pressekonferenz zum Abschluss des Festivals. Der Wettbewerb Jeunes Réalisateurs du Réel (für 12- bis 18-Jährige), der dieses Jahr erstmals ausgetragen wurde, hat ebenfalls ein grosses Echo ausgelöst, wie auch der Jugendblog auf der Website des Festivals: «Dieses starke Interesse der Jugendlichen für die Realisierung von Filmen und die Filmkritik zeigt, dass wir mit unserer Intuition recht hatten, als wir entschieden haben, eine solche, für die Schweiz neue Vermittlungsinitiative zu lancieren», fügt Philippe Clivaz hinzu. Mit diesen verschiedenen Aktionen kommt klar zum Ausdruck, wie vielfältig die Kulturvermittlung an Jugendliche ausgestaltet sein kann.
… und das Zelebrieren der Liebe auf der Leinwand
Als thematischen Schwerpunkt des Festivals hatte Direktor Luciano Barisone das Zelebrieren der Liebe in all ihren Facetten angekündigt. Tatsächlich gab es einige Filme, die dieser Ankündigung in jeder Hinsicht explizit gerecht wurden. Angefangen beim streckenweise nicht nur humorvoll, sondern auch absurd komödiantisch wirkenden Eröffnungsfilm «Love & Engineering» von Tonislav Hristov. Darin versucht ein IT-Ingenieur eine Methode zu finden, die die männliche Schüchternheit bezwingt und dem Mann, Erfolg bei den Frauen garantiert. Mit manchmal fast peinlichen Szenen und Diskussionen über Liebeskummer wartete der kanadischen Abschlussfilm «Conte du Mile End» von Jean-François Lesage. Abgesehen davon, dass das Thema vielfältig in den vielen Lebensgeschichten angesprochen wurde, gab dazwischen der Wettbewerbsbeitrag «Sleepless in New York» von Christian Frei zu reden. Der Schweizer Regisseur geht dem unerschütterlichen Bedürfnis nach Liebe nach, indem er drei Protagonisten mit fast traumatischem Liebeskummer in New York folgt. Der Regisseur tut dies mit grossem Respekt, aber angesichts der eigenen Erfahrungen der Zuschauenden lässt der Film am Ende ein weites Diskussionsfeld offen.
Hans Hodel, Jurykoordinator Interfilm
hans.hodel@outlook.com
Visions du Réel – Festival international de cinéma Nyon
46. Ausgabe vom 17. bis 25. April 2015
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Interreligiöser Preis für «Domino Effect» (Medientipp, 3. Mai 2014)
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Preis der Interreligiösen Jury Die interreligiöse Jury vergibt den von der Katholischen Kirche Schweiz gemeinsam mit der Konferenz protestantischer Kirchen der französischen Schweiz (CER) mit 5’000 Franken dotierten Preis an «Domino Effect» von Elwira Niewira und Piotr Rosolowski Deutschland / Polen 2014, 76 Minuten, Russisch, Abchasisch Der Film beleuchtet das schwierige Zusammenleben einer russischen Künstlerin mit dem Sportministers des Kleinstaates Abchasien. Ihre hindernisreiche Liebe spiegelt sich in den sozialen und politischen Spannungen des Landes. Das Ringen von Natasha und Rafael um den Aufbau des Landes und ihre Beziehung verlangt nach einem Dialog ihrer Kulturen.
«Café» («Cantos de Humo») von Hatuey Viveros Lavielle Mexico 2014, 80 Minuten, Spanisch «Cafe» lädt dazu ein, in das Alltagsleben einer Náhuatl-Familie einzutauchen und zeigt mit grosser Nähe zu den Protagonisten deren Einsatz für Gerechtigkeit und menschliche Würde.
Mitglieder der interreligiösen Jury 2014 |
Seelenschmerz und die Ränder der Welt (NZZ-Online, 3. Mai 2014)
