Geister im Kino
Mit dem breiten Interesse für übernatürliche Phänomene schwappt eine metaphysische Welle ins populäre Kino, wie es sie schon lange nicht mehr gab. In Anlehnung an den Horrorfilm beschäftigt sich Hollywood mit Realitätsformen, die den fünf herkömmlichen Sinnen entzogen sind. Eine sehenswerte Auseinandersetzung mit diesen übernatürlichen Phänomenen bietet „The Sixth Sense“ von M. Night Shyamalan.
Langsam gleitet die Kamera zwischen den im Stau stehenden Autos hindurch. Der Blick schweift nach links und nach rechts. Auf der Suche nach einem bestimmten Fahrzeug verlangsamt sie ihre Fahrt, gleitet nach links und gibt durch das Seitenfenster die Sicht frei auf den elfjährigen Cole und seine Mutter, die entnervt ihre Hand auf das Steuerrad schlägt. Schon wieder ein Unfall, der zum Verkehrschaos führt. Ist jemand verletzt worden, oder gar getötet? Cole bestätigt ihr, dass die verunfallte Frau tot sei und eröffnet der Mutter – in einem einfachen Schuss–Gegenschuss Bildwechsel – sein Geheimnis: „I can see ghosts“. Es entwickelt sich ein herzergreifendes Gespräch zwischen Mutter und Sohn, das einen der bewegendsten Momente von „The Sixth Sense“ ausmacht.
Mit dem breiten Interesse für übernatürliche Phänomene schwappt eine metaphysische Welle ins populäre Kino, wie es sie schon lange nicht mehr gab. In Anlehnung an den Horrorfilm und an den Science-Fiction beschäftigt sich das Mainstream-Kino mit Realitätsformen, die den fünf herkömmlichen Sinnen entzogen sind. Neben „The Sixth Sense“ beschäftigen sich auch „The Haunting“, „The Ninth Gate“ und „Stir of Echos“ mit übernatürlichen Wahrnehmungen.
Populäre Metaphysik
Der Zugang zu einer Welt, die die alltäglichen Sinneswahrnehmungen übersteigt, ist grundlegend für den fantastischen Film und ist zugleich auch ein wichtiges Thema der Metaphysik. In Bezug auf die Gestaltung dieser übernatürlichen Wahrnehmungen hängt es jedoch sehr stark davon ab, wie das Unsichtbare sichtbar gemacht wird. Mit „The Haunting“ gerät Jan De Bont in die Sackgasse der computergenerierten Bilderproduktion, in der alles – selbst das Unvorstellbare – unmittelbar im Bild gezeigt werden kann. Hier herrschen die Spezialeffekte über die Kraft der Imagination bis von der Qualität des Horrorfilms nichts mehr übrig bleibt. Roman Polanski bewegt sich mit „Die neun Pforten“ in den Gefilden des lustvollen Ausstattungsfilmes, der seine Geheimnisse nur notdürftig in durchsichtige Bilder kleidet. Ihm geht es nicht um die subtile Spannung, sondern um die Erkundung des nackten Schreckens. Der Werbefilmer Rupert Wainwright verpackt seine okkulte Kriminalgeschichte „Stigmata“ in eine Videoclipästhetik. Die unerklärliche Kreuzigungs-Passion einer jungen Frau fällt damit der sado-masochistischen Schaulust des Horrorgenres zum Opfer. Mit einem auf Charakteren basierenden übernatürlichen Drama überrascht David Koepp in „Stir of Echoes“. Ein gewöhnlicher Arbeiter entdeckt dunkle Geheimnisse in seinem Haus, nachdem er unerwartet übersinnliche Kräfte gewinnt.
Spirituelle Erzählformen
Im Kino der Angst gibt es die grundlegende Voraussetzung, dass sich die Furcht vor den Nicht-Sichtbaren Dingen vor allem dort manifestiert, wo sie nicht in Bildern festgeschrieben wird. Weder aufwändige Spezialeffekte noch oppulente Ausstattung wecken die ursprüngliche Angst vor Wesen, die unser Leben beeinflussen können, seien sie nun Boten des Bösen oder des Guten. Vielmehr sind es spirituelle Erzählformen, die sich den mythischen Tiefenstrukturen annähern, diese erkunden und im Berühren des Geheimnisses einen subtilen Schauer heraufbeschwören.
In „The Sixth Sense“ geht es um Fragen der Wahrnehmung dieser übersinnlichen Welt, die sich nicht einfach entschlüsseln lässt. Der achtjährige Cole Sear ist ein fragiles und sensibles Kind, das sich mit den Geistern der Verstorbenen auseinandersetzen muss. Was der kleine Cole sieht und erlebt, wird erst im Verlauf der geduldigen Annäherung durch den Psychologen Dr. Malcolm Crowe (Bruce Willis) an das Kind sichtbar. „De profundis clamo ad te, domine“, betet Cole in der Kirche – „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr“ – und beschwört in einem magischen Figurenritual den Schutz vor den einstürmenden Eindrücken aus der Geisterwelt. Aus der Sicht des Psychologen Crowe leidet der Junge unter einer schwerwiegenden Psychose, die zu Halluzinationen und Auditionen führt. Aus der Perspektive des Jungen sind die Toten in einer zeitlosen Dimension real präsent: Im Schulhaus treiben sie ihr Unwesen, zu hause besucht ihn regelmässig die furchterregende Grossmutter und ein kürzlich verstorbenes Mädchen sitzt plötzlich neben ihm im selbstgebauten Schutzzelt. Durch die einfühlsame Art von Malcom Crowe öffnet sich der Junge gegenüber der Umwelt. Er teilt das „Geheimnis“ mit seiner Mutter und richtet ihr dabei eine Botschaft von der verstorbenen Grossmutter aus. Cole lernt, wie er seine Aufgabe als Medium zwischen der Welt der Lebenden und derjenigen der Toten wahrnehmen kann.
Psychologisches Drama
Das psychologische Drama von M. Night Shyamalan distanziert sich bewusst von den Möglichkeiten der Spezialeffekte. Es folgt konsequent den atmosphärischen Vorbildern der 30er und 40er-Jahre und konzentriert sich auf die Beziehungsebene. Mit dieser Wendung in das Innere der Figuren lenkt Shyamalan die Aufmerksamkeit auf die seelischen Konsequenzen der Ereignisse. Die physische Manifestation der Verstorbenen rückt in den Hintergrund und bekommt eine untergeordnete Funktion. Wenn die Mutter von Cole für wenige Sekunden den Frühstückstisch verlässt, um eine neue Kravatte für den Jungen aus dem Waschraum zu holen, darauf in die Küche zurückkehrt und entsetzt feststellt, dass sämtliche Schranktüren und Schubladen offenstehen, konzentriert sich der Film nicht auf die paranormale Aktivität, sondern auf die Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind. In der Schule – ein besonderer Ort des Schreckens, da in diesem Gebäude im vergangenen Jahrhundert der Gerichtshof lag – bleibt Cole plötzlich wie angewurzelt stehen. Malcolm Crowe nähert sich dem Jungen und versucht seine Reaktion zu deuten. Nur kurz sind in dieser Szene die Menschen zu sehen, die vor Jahrzehnten dort erhängt wurden. Die Handlung fokussiert sich auf die Beziehung zwischen dem Psychologen und dem Kind, auf ihre behutsame Annäherung und im Verlauf der Geschichte auf den Prozess der gegenseitigen Heilung.
Die Zurücknahme der gestalterischen Mittel zugunsten der innerpsychischen Vorgänge erzeugt einen athmosphärischen Schauer, der viel nachhaltiger wirkt als die kurzlebigen Schocks der Montage oder der computergenerierten Bilder. „The Sixth Sense“ zielt auf eine nachhaltigere Verunsicherung unserer Alltagswahrnehmung. Die Grenze zwischen der geordneten Welt der Kausalzusammenhänge und der irrationalen Interaktion von Geistwesen verschwimmt. Ausgehend vom populären Genre des Horrorfilms versucht der Regisseur, eine Sensibilität für seelische Zustände zu wecken, in denen die Wahrnehmung von Parallelwelten möglich wird. Die Entwicklung zur Liebesgeschichte und zum psychologischen Drama geben dem Film eine Vielschichtigkeit, wie man sie im Mainstream-Kino selten sieht. Statt in ein esoterisches Pathos abzugleiten, vermittelt der überraschende Schluss nochmals neue Lesarten der Geschichte, die zum Nachdenken und zum Wiedersehen anregen.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
