Freudiges Augenreiben …

Mit einem sehr gelungenen und qualitativ hochstehenden Wettbewerb hat der neue Festivaldirektor Olivier Père die Ökumenische Jury überzeugt. Vor allem die Filme aus Osteuropa und China haben einen starken Eindruck hinterlassen. Die Jury verlieh ihren Preis an den rumänischen Film „Morgen“ von Marian Crisan – für seinen „liebevollen Witz“ und die interkulturelle Verständigung.

Der Einstieg war für die Ökumenische Jury alles andere als einfach. Mit dem sehr provokanten „L.A. Zombie“– einem explizit sexuellen Horrorfilm – gab der neue Festivaldirektor Olivier Père seinen Tarif durch. Der kreative, ungewöhnliche und polarisierende Blick schien ihm wichtiger als die ausgeglichene Programmierung. Vom Wettbewerb bleiben jedoch nicht die provozierenden Filme in Erinnerung, sondern die bilderstarken Beiträge aus dem Osten. Der serbische Film „Beli Beli Svet“ von Oleg Novkovic erzählt eine antike Tragödie in einer modernen Minenstadt, in der das Schicksal von König Ödipus und seiner Familie neu durchgespielt wird. Auch der rumänische Beitrag „Periferic“ ist fesselnd und in seiner Dringlichkeit überzeugend: Eine junge Frau kommt für 24 Stunden aus dem Gefängnis, um der Beerdigung ihrer Mutter beizuwohnen. Innerhalb dieser kurz bemessenen Zeit will sie die Zukunft ihres achtjährigen Sohnes regeln und die Flucht aus dem Land bewerkstelligen. Eine schöne örtliche Parallele ergibt sich zwischen „Periferic“ und „The Human Resources Manager“. Der herausragende Film von Eran Riklis beginnt in Jerusalem und führt nach Rumänien, wo sich in beiden Filmen die Schicksalsfäden entfalten. Die Rückführung der in einem Bombenattentat getöteten Julia lässt ihren Personalchef an seine eigene Familiengeschichte denken, was zur Versöhnung unter den Hinterbliebenen beiträgt.

Die Wahl fiel auf „Morgen“ aus Rumänien und …

Insgesamt gab es in diesem Jahrgang einfach „zu viele“ gute Filme im internationalen Wettbewerb; da konnte sich das eine oder andere Jurymitglied doch freudig die Augen reiben: Eine so reiche Auswahl gab es in Locarno seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Und so konnte die Ökumenische Jury mit ihrer Ausrichtung auf menschliche und spirituell-religiöse Werte zum Schluss aus sieben Filmen auswählen. Die Schweizer Beiträge „Songs of Love and Hate“ und „La petite chambre“ hielten auch gut mit, wurden jedoch von anderen Wettbewerbsfilmen überflügelt.

„Morgen“ ist eigentlich ein deutsches Wort und für eine französisch-rumänisch-ungarische Koproduktion eher ein ungewöhnlicher Titel. Es handelt sich jedoch um das einzige Wort, das der rumänische Sicherheitsmann Nelu und ein türkischer Migrant miteinander austauschen können. Dabei kommt Nelu zu seinem Schützling wie die Jungfrau zum Kind: Er fischt ihn aus dem Wasser und versteckt den illegalen Grenzgänger, der aus der Türkei nach Deutschland unterwegs ist. Die beiden ungleichen Männer verstehen zwar kein Wort untereinander, doch das Zusammenarbeiten harmoniert wunderbar. Marian Crisan präsentiert einen Film, der mit viel Wärme und mit einem liebevollen Blick von der gelingenden Verständigung über die kulturellen Grenzen hinweg erzählt. Neben dem Ökumenischen Preis hat „Morgen“ auch den Silbernen Leoparden bekommen.

… viel Lob ernteten zwei herausragende Filme aus China

Die Ökumenische Jury sprach dem Chinesen Li Hongqi und seinem Film „Winter Vacation“ eine lobende Erwähnung aus, der auch den Goldenen Leoparden gewann. Mit lakonischer Einfachheit zeigt er den letzten Ferientag von Teenagern und Kindern. Eine hervorragende Mise-en-scène verbindet sich mit einem tiefgründigen Humor. Wenn ein Vierjähriger seinem Grossvater eröffnet, dass sein Lebensziel sei, ein Waisenkind zu werden, ist das urkomisch und traurig zugleich. Situationskomik und Melancholie sind in diesem Film aufs Dichteste verknüpft.

Von den Jurymitgliedern und den Festivalbesuchern wurde am diesjährigen Festival einiges abverlangt. Zum Abschluss gab es das monumentale sechsstündige Werk „Karamay“ von Xu Xin. War es schon ungewöhnlich, einen Dokumentarfilm im Spielfilmwettbewerb zu sehen, so zeigt sich alsbald, dass dieser Film eine meisterhafte Dramaturgie besitzt. Beginnend mit einem Besuch auf dem Friedhof der nordwestchinesischen Öl-Stadt Karamay über Interviews mit Eltern bis zu Videoaufnahmen aus den 1990er-Jahren wird hier der modernen chinesischen Gesellschaft ein Mahnmal aufgestellt. Am 8. Dezember 1994 fanden in einem Feuer 288 Kinder den Tot und zahlreiche wurden verletzt. Eine wesentliche Verantwortung für diese Tragödie tragen die politischen Behörden. Doch das Ereignis wurde von der chinesischen Führung weitgehend totgeschwiegen; nicht einmal Totenscheine wurden für die Kinder ausgestellt. Kino ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch Erinnerung. Der Regisseur Xu Xin hat – mit diesem in China verbotenen Film – davon Zeugnis abgelegt. An einem Treffen mit der Ökumenischen Jury zeigte sich Olivier Père überzeugt, dass „Karamay“ eine internationale Plattform wie Locarno verdient. Die Ökumenische Jury konnte ihm nur zustimmen und zeichnete den Film mit einer lobenden Erwähnung aus.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst und Mitglied der Ökumenischen Jury in Locarno 2010
charles.martig@kath.ch

Die Ökumenische Jury von SIGNIS und INTERFILM vergibt ihren Preis an:

Morgen
von Marian Crisan, Frankreich/Rumänien/Ungarn 2010

Nelu, Wachmann in einem Supermarkt an der rumänisch-ungarischen Grenze, versteckt in seinem Keller einen Türken, der illegal nach Deutschland einwandern will. Mit der Zeit entdecken die beiden immer mehr Gemeinsamkeiten jenseits aller sprachlichen und kulturellen Unterschiede. Mit liebevollem Witz erzählt der Film von menschlicher Nähe und Verständigung über die Grenzen hinweg.

Die Jury vergibt eine lobende Erwähnung an den Film:

Winter Vacation/Han Jia
Li Hongqi, China 2010

Li Hongqi versteht es den letzten Tag der Winterferien in einem chinesischen Dorf in streng konstruierten Bildern, langen Einstellungen und knappen, lakonischen Dialogen zu beschreiben. Bei aller Melancholie bestimmt dabei Humor seinen Blick.

Die Jury vergibt eine zweite lobende Erwähnung an den Film:

Karamay
Xu Xin, China 2010

Für sein hervorragendes und mutiges Zeugnis über eine grosse Tragödie. In einer Gesellschaft, welche aus einer langen kulturellen Tradition heraus Individuen dem allgemeinen Wohl opfert, führt die fehlende Integrität der Führungskräfte zum Tod von fast 300 Kindern. Im Verlauf der Interviews mit Opfern erwächst – durch Mut und Bitterkeit – das Bewusstsein für die notwendige, persönliche Verantwortung.

Mitglieder der Ökumenischen Jury:
Cynthia Chambers (USA)
Charles Martig (Schweiz)
Angelika Obert (Deutschland) – Präsidentin
Theo Peporte (Luxemburg)
Michael Otrisal (Tschechische Republik)
Waltraud Verlaguet (Frankreich)

Offizielle Jurywebsite inklusive Bildstrecke:
http://www.kirchen.ch/filmjury

Offizielle Festivalwebsite:
http://www.pardo.ch

Filmwebsite des Preisträgers:
http://www.morgen.ro

Zum Verbot des Films „Karamay“in China:
http://www.farwestchina.com/2010/04/xinjiang-documentary-to-be-banned-in-china.html

Worauf achten kirchliche Filmjuroren?
kath.ch hat die Ökuemnische Jury am Filmfestival Locarno bei der Arbeit begleitet. Das Video ist abrufbar unter: http://www.kath.ch/index.php?na=13,0,1,0,d,54362