Forget Baghdad
Irakisch-jüdische Kommunisten, die in Israel leben, haben eine äusserst schwierige Stellung im gesellschaftlichen Leben. Sie sind Araber, da sie aus dem Irak stammen, und gleichzeitig Juden. Der Schweizer Filmemacher und Produzent Samir entwirft in seinem neuen Dokumentarfilm eine Reflexion über die Klischees «des Juden» und «des Arabers». Filme wie «Son of the Sheikh», «Jud Süss», «Exodus» oder «True Lies» zeigen uns ein irritierendes Bild vom «raffgierigen Juden» im Dienst der Nazis bis zum hysterisch schreienden arabischen Terroristen, der von Schwarzenegger ausradiert wird. Samir nutzt diese Bildcollage, um eine lebhafte Debatte aufzugreifen, die seit einigen Jahren in Israel von intellektuellen orientalischen Juden geführt wird. Die «Mizrahim» kritisieren die Politik der Entfremdung und Instrumentalisierung der arabischen Juden. Die koloniale Haltung der europäisch geprägten Gründergeneration Israels ist für die orientalischen Juden, von denen viele in den fünfziger Jahren aus dem Irak nach Israel eingewandert sind, äusserst problematisch. In der weltpolitischen Konfrontation zwischen arabischen und westlichen Gesellschaften geraten die orientalischen Juden zwischen die Fronten. Samir, der selbst ein Kind irakischer Einwanderer ist und in der Schweiz aufwuchs, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen der Entfremdung und der kulturellen Identität.
Mit «Forget Baghdad» ist ihm ein vielschichtiger Film gelungen, der mit den Porträts von vier Persönlichkeiten – Prof. Ella Shohat, Prof. Shimon Ballas, dem Bestsellerautor Sami Michael und dem Unternehmer Moshe Houri – eine reichhaltige Spur legt. Auffallenderweise enthält sich der Film jeglicher Polemik und geht den kulturellen Wurzeln des Konflikts auf den Grund.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«Forget Baghdad. Jews and Arabs – The Iraqi Connection», Schweiz 2002, Regie: Samir, Besetzung: Ella Shohat, Shimon Ballas, Sami Michael, Moshe Houri, Look Now!, Staffelstrasse 10, 8045 Zürich, Telefon: ++41 (0)1 201 24 40, Fax: ++41 (0)1 201 24 42
Preis der Semaine de la critique, Locarno 2002
