Filmwunder Schweiz in Solothurn

Für „Mounted by the Gods“ und „Epsteins Nacht“ lohnt sich die Reise an die Solothurner Filmtage. Die Retrospektive „Filmwunder Schweiz“ des Verbands „Filmregie und Drehbuch“ lässt Schlüsselwerke des neuen Schweizer Films Revue passieren.

Die 37. Ausgabe der Solothurner Filmtage bietet vom 15. bis 20. Januar 2002 eine aussergewöhnliche Fülle. Im Hauptprogramm werden Werke von Werner Schweizer, Anne Cunéo, Peter Entell, Richard Dindo und Rolf Lyssy zu sehen sein. Zu entdecken gibt es aber auch neue Namen und Filme. Dazu gehört der Dokumentarfilm „Mounted by the Gods“ von Alberto Venzago. Die Aufnahmen in einem Voodoo-Kloster im Benin sind das Resultat einer 10-jährigen Recherche des Fotografen, der damit ein eindrückliches Kinofilmdébut gibt. Produziert wurde es von Wim Wenders, der damit erneut sein Interesse für religiöse Fragestellungen dokumentiert. Das Langzeitdokument von Christian Frei „War Photographer“ schaut dem Reportage-Fotografen James Nachtwey bei seiner Arbeit in Kriegsgebieten über die Schulter. Frei ist ein bewegtes und bewegendes Zeitdokument gelungen, das durch den Afghanistan-Krieg erneut an Brisanz gewonnen hat.

Jüdische Brüder: Mario Adorf und Bruno Ganz

Unter den Dokumentarfilmproduktionen sticht besonders „Epsteins Nacht“ von Urs Egger heraus, das raffiniert aufgebaute Drama dreier jüdischer Brüder (Mario Adorf, Bruno Ganz und Günther Lamprecht), die in einem Priester ihren KZ-Lagerkommandanten zu erkennen glauben. Mit Bettina Wilhelms „Julies Geist“ tritt eine Filmemacherin auf den Plan, welche die Geschichte einer Frauenfreundschaft erfrischend neu erfindet und mit der französischen Schauspielerin Sylvie Testud – bekannt durch ihren überzeugenden Auftritt in „Jenseits der Stille“ – eine glückliche Hand bei der Besetzung der Hauptrolle bewiesen hat.

Perlen in der Rückblende

Der Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz feiert sein 40-jähriges Bestehen mit einer Retrospektive „Filmwunder Schweiz“ aus dem Filmschaffen seit 1962. Dieses Gründungsjahr markiert den Aufbruch eines illustren Kreises von Filmgestaltern: Alain Tanner, Claude Goretta, Henry Brandt, Walter Marti, Herbert E. Meyer, François Bardet und Jean-Jaques Lagrange. Zu ihnen stiess bald auch Alexander J. Seiler. In der Zwischenzeit sind bereits drei Generationen von Filmschaffenden in diesem Verband vereint. Die Gründerväter, die Jugendbewegung der 80er Jahre sowie die jüngste Generation der 90er, die in einem voll-ständig neuen Bilduniversum sozialisiert wurden und ein deutlich anderes Selbstverständnis in den Verband einbringen. Am Podiumsgespräch vom 18. Januar sind fast ausschliesslich die Pioniere mit bekannten Namen präsent: Hans-Ulrich Schlumpf, Alexander J. Seiler, Fredi M. Murer und Jean-François Amiguet diskutieren unter der Moderation von Matthias von Gunten. Bleibt nur zu hoffen, dass auch die Jungen in den nächsten Jahren mehr Platz auf dem Podium erhalten.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

http://www.solothurnerfilmtage.ch