Filmfestival Venedig: Kontraste auf dem Lido
Die 55. Mostra internazionale d´Arte cinematografica in Venedig, das älteste Filmfestival der Welt, wurde zwar von einer starken Hollywood-Präsenz dominiert, doch waren einige der Höhepunkte auch dem europäischen Film zu verdanken. Einige Beispiele seien hier herausgegriffen.
Erstmals seit l988 hat mit Gianni Amelios „Così ridevano“ ein italienischer Film den Goldenen Löwen erhalten. Die Geschichte zweier Brüder zwischen 1958 und 1964 spiegelt sozialkritisch die inneritalienische Süd-Nord-Migration. Streckenweise wirkt der eindrückliche Film allerdings allzu stilisiert und ungewollt pathetisch. Der mit dem katholischen OCIC-Preis ausgezeichnete Film „L´albero delle pere“ von Francesca Archibugi stellt eine aus den Fugen geratene Römer Familie in den Mittelpunkt. Die drogensüchtige Mutter hat einen Sohn und eine Tochter von zwei Vätern. Die Eltern gehören zur 68er-Generation, deren Träume weitgehend gescheitert sind. Etwas von ihren utopischen Hoffnungen ist noch im Namen des Sohnes, Siddhartha, enthalten. Siddhartha entdeckt eines Tages, dass sich seine kleine Schwester mit einer Spritze der Mutter verletzt hat. Das Schlimmste befürchtend, unternimmt er ohne zu zögern das Notwendige für die Kleine, lässt sie ärztlich untersuchen und versucht gleichzeitig, seine Mutter zu schonen. Ohne der älteren Generation vorschnell Schuld zuzuweisen, zeigt die Regisseurin deren Probleme und Versagen und stellt dagegen das verantwortliche und liebevolle Verhalten Siddharthas, der sich allein in seiner Welt zurechtfinden muss.
Überraschend stimmig geraten ist auch „Del perduto amore“ von Michele Placido. Beim Sündenbekenntnis zu Beginn einer Messe erinnert sich der Priester Don Gerardo an seine Jugend, die er Ende der fünfziger Jahre in einer armen Gegend Süditaliens verbrachte. Für den 14jährigen Gerardo wird die Kommunistin Liliana (eine historische Figur) zur sein ganzes Leben prägenden Persönlichkeit. Liliana setzt sich jenseits aller parteipolitischen Querelen tatkräftig für die Nöte ihrer Mitmenschen ein — eigentlich genau so, wie in der Bergpredigt gefordert. Der Höhepunkt des Wettbewerbs war jedoch Eric Rohmers „Conte d´automne“ (Herbsterzählung), der vierte und letzte Film seines Jahreszeitenzyklus. Wie kein anderer Wettbewerbsbeitrag brillierte dieses Alterswerk mit einer unwiderstehlichen Mischung aus inszenatorischer Leichthändigkeit, beschwingter Darstellungskunst, Esprit und tiefer Menschlichkeit.
„I giardini dell´Eden“ von Alessandro D´Alatri schildert die Lebenszeit von Jesus zwischen zwölf und dreissig, von der es im Neuen Testament heisst, „Das Kind aber wuchs heran und wurde stark, erfüllt von Weisheit; und Gottes Gnade war über ihm“ (Lukas 2, 40), aber sonst nichts überliefert ist. Der sehr schöne, sorgfältig gemachte Film ist jedoch weit entfernt von der Intensität von Pasolinis „Il Vangelo secondo Matteo“ (1964), dafür umso näher der etwas sterilen Nazarener-Ästhetik von Zeffirellis „Jesus von Nazareth“ (1976).
Den denkbar stärksten Kontrast dazu bildete Emir Kusturicas „Crna macka, beli macor“ (Schwarze Katze, weisser Kater), ausgezeichnet mit dem Preis für die beste Regie. Mit unbändiger Vitalität und unerschöpflichen Einfällen schildert Kusturica ein fiktives Zigeunerleben an den Ufern der Donau voller übersteigerter Klischees. Aber die bunten, exaltierten und grotesken Episoden und Figuren sind keineswegs eine Verunglimpfung einer gesellschaftlichen Randgruppe. Im Gegenteil: Kusturica ist das Kunststück gelungen, die teils hässlichen und überzeichneten Figuren im Verlauf des Films immer sympathischer erscheinen zu lassen. Sein Film kann geradezu als Lehrstück in Toleranz gelesen werden, denn solchen Menschen gegenüber Toleranz aufzubringen ist weit schwieriger als gegenüber adretten, schmucken und angepassten Aussenseitern.
Franz Ulrich
ZOOM Zeitschrift für Film
