Filmfestival Venedig 2001
Die überzeugendsten Filme des 58. Filmfestivals von Venedig stammen aus Asien. Spannend ist hier die Begegnung zwischen einem globalisierten Lebensstil und den traditionellen Werten des indischen Subkontinents in „Monsoon Wedding“ oder das Zusammentreffen von Demokratie und islamischer Gesellschaftsordnung im Film „Raye Makhfi“ des Iraners Babak Payami. Überraschend stark war auch die Präsenz von Adoleszenz-Geschichten: Von der éducation érotique zweier junger Burschen im mexikanischen Film „Y tu mamá también“ bis zu „Le souffle“ des Franzosen Damien Odoul.
Auf der Suche nach Filmen, die im Geiste des Evangeliums eine soziale oder religiöse Dimension aufweisen, gab es im internationalen Wettbewerb auf Anhieb acht Werke, die für die Diskussion aus christlicher Perspektive interessant sind. Mit der Entscheidung des Festivaldirektors Alberto Barbera, die Löwen nicht nur im internationalen Wettbewerb sondern auch in der Sektion „Cinema del Presente“ zu vergeben, hat sich dasSpektrum der Filme stark ausgeweitet – insbesondere im Bereich der sozialethischen Themen. Die Auswahl hat dadurch an Substanz gewonnen und ist für die internationale katholische Jury anspruchsvoller geworden. Filme von Laurent Cantet, Teresa Villaverde und Damien Odoul waren Lichtblicke, die wesentlich zum Profil des „Cinema del Presente“ beigetragen haben. Cantet erzählt beispielsweise in „L´emploi du temps“ von den lügenhaften Verstrickungen eines Arbeitslosen, der ein Doppelleben führt, um das Gesicht vor seiner Familie und seinen Freunden zu wahren. Der Film arbeitet an der Spaltung zwischen dem realen Leben eines Arbeitslosen und seinem fiktiv konstruierten Leben als Berufstätiger und erreicht dadurch eine narrative Intensität. In „Le souffle“ zeigt Odoul die männliche Initiation des 15-jährigen David in Schwarz-Weiss- Bildern und mit einer stringenten Schauspielführung. Der erste Alkoholrausch in der rohen Männergesellschaft führt den Teenager auf seltsame Abwege.
Demokratie in Notlage
Mit einer wunderbar surrealen Erzählung aus dem Iran hat Babak Payami in „Raye Makhfi“ (Geheime Wahl) das Thema der Demokratie aufgegriffen. Eine junge, idealistische Frau wird als offizielle Verantwortliche für einen geheimen Wahlgang auf eine Insel entsandt. Sie trifft dort auf einen widerspenstigen Soldaten, der sie im Militärjeep zu den potentiellen Stimmbürgern fahren soll. Eine Reise durch ironische und surreale Begegnungen beginnt. Die junge Frau unternimmt alles in ihrer Macht stehende, um die Inselbewohner und –bewohnerinnen zur Stimmabgabe zu überzeugen. Sie trifft auf Ignoranz und Gleichgültigkeit sowie auf Diskriminierung von Frauen, kämpft aber trotzdem weiterhin um jeden Wahlzettel. Payami gelingt eine tiefsinnige und unterhaltsame Parabel, die sich mit dem Anspruch des demokratischen Staates gegenüber seinen Bürgern auseinander setzt und die vielfältigen Strategien des Widerstands der Individuen auslotet. Weit über die politische Situation im Iran hinaus spricht er eine universalere Ebene an, die sich mit der Krise des demokratischen Modells westlicher Prägung auseinander setzt. Die internationale katholische Jury hat Payami für diese dichte und ironisch leichtfüssige Umsetzung den grossen Preis verliehen. Zudem erhielt der Iraner den silbernen Löwen für die beste Regie.
Familienfeier aus Indien
Es gibt weltweit wohl kaum eine Gemeinschaft wie die der indischen Punjabi in New Delhi. In einer überschwänglichen Familienfeier zeigt die Inderin Mira Nair ein Bild des indischen Mittelstands, wie man ihn noch nie auf der Leinwand gesehen hat. Die kreative Verschmelzung von westlichem Lebensstil – vom Mobiltelefon bis zum Fast-Food – mit der traditionellen Hindi-Kultur und dem populären Hollywood-Kino, ergeben eine lebensfrohe Hochzeitsfeier, die sich über vier Tage hinweg erstreckt. Der Regisseurin gelingt als unabhängige Filmschaffende nicht nur das Cross-over zwischen Ost und West sondern auch die Verbindung zwischen Publikumsfilm und einer anspruchsvollen Erzählhaltung. Mit dieser Mischung aus lebensfroher Feier des Familienlebens und Verschmelzung von verschiedenen Stiltraditionen schafft sie eine Brücke zwischen der weltweit grössten Filmproduktion Indiens und dem amerikanischen Publikumsfilm aus Hollywood. Der goldene Löwe von Venedig – übrigens zum ersten Mal an eine Frau verliehen – deutet an, dass aus dem indischen Subkontinent in den nächsten Jahren weitere Überraschungen auf das hiesige Kinopublikum warten.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Informationen zu den offiziellen Preisträgern: http://www.labiennale.org, Preisträger OCIC: https://www.medientipp.ch
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