Filmfestival Venedig 1999: Plädoyer für menschliche Beziehungen

Mit einer starken Präsenz aus dem asiatischen Kontinent haben die chinesischen Filmemacher Zhang Yimou und Zhang Yuan sowie der Iraner Abbas Kiarostami gezeigt, dass die wichtigen spirituellen und sozialethischen Impulse im aktuellen Kino aus dem Orient kommen. Eine Ausnahme bildeten beim Filmfestival Venedig der Film „Jesus´ Son“ der Regisseurin Alison Maclean (Preisträger OCIC) sowie die inspirierte Geschichte des italienischen Kinos „Il dolce cinema“ von Martin Scorsese.

Bewusst verzichtete die internationale katholische Jury in Venedig auf einen „sicheren“ Preisanwärter. Der international bekannte Regisseur Zhang Yimou präsentierte mit „Yi Ge Dou Bu Neng Shao“ („Nicht einer weniger“) einen überzeugenden Film, der wichtige soziale Werte wie Solidarität und kulturelle Verständigung in den Mittelpunkt stellt. Die Geschichte eines 13jährigen Mädchens, das als Ersatzlehrerin in einer Dorfschule eintrifft und die anstehenden Schwierigkeiten in der Schulklasse mit Beharrlichkeit und Mut angeht, ist bewegend erzählt. Als ein Kind aus der Klasse das Dorf verlassen muss, um in der Stadt zu arbeiten, reist die Protagonistin ihm nach und begibt sich auf die beschwerliche Suche nach dem „verlorenen Schaf“ in der Grossstadt. Die berührende Geschichte erzählt Yimou im Stil des Identifikationskinos und formuliert ein Plädoyer für die Solidarität mit Kindern in armen Verhältnissen. Yimou erhielt neben dem Goldenen Löwen mehrere Preise von parallelen Jurys und hat in der Zusammenarbeit mit „Columbia“ bereits den internationalen Vertrieb des Films garantiert.

Gnade der Sinnlichkeit

Auf der Suche nach Filmen, die im Geiste des Evangeliums eine soziale oder religiöse Dimension aufweisen, gab es im Wettbewerb auf Anhieb rund acht Werke, die für die Diskussion aus christlicher Perspektive interessant waren. Die Polemiken in der italienischen Presse wegen der Auswahl von „Sexfilmen“ für das Festivalprogramm betraffen lediglich zwei Beiträge aus Korea und Italien, die eher ein Randphänomen darstellten. Tatsache ist, dass die Sinnlichkeit von Beziehungen im Wettbewerb eine wichtige Rolle spielte – etwa in „Une liaison pornographique“ von Frédéric Fonteyne – und in diesem Sinne von einem „erotischen Festival“ gesprochen werden kann. Aus christlicher Sicht steht bei der Darstellung von Sinnlichkeit nicht die Frage nach dem „Was?“ im Zentrum sondern die Art und Weise der Gestaltung, also das „Wie?“. So enthält zum Beispiel auch der kirchliche Preisträger „Jesus´ Son“ Liebesszenen, unter anderem zwischen dem jungen Mann, der als Drogenabhängiger durchs Leben taumelt und auf seiner Reise zur Heilung auf eine behinderte Frau trifft, die er lieben lernt. Diese Begegnung gestaltet die Regisseurin Alison Maclean mit Einfühlungsgabe und Zurückhaltung. Eine einfache Einstellung von der Seite auf das Liebespaar lässt erahnen, dass der junge Mann mit dem seltsamen Namen „Fuckhead“, dem im Leben vieles misslungen ist, in diesem Moment die Gnade der Berührung erfährt, die über die reine Körperlichkeit hinausgeht. Im berührenden Schluss findet der junge Mann eine Möglichkeit, seine heilende Kraft zu entdecken, indem er seine Hand durch eine Fensterscheibe gleiten lässt und der dahinterstehenden Frau auf den Kopf legt. In diesem Bild gelingt Maclean eine zeitgenössische Darstellung eines Heilungswunders durch Handauflegung. Wer dadurch geheilt wird, lässt der Film glücklicherweise offen. „Fuckhead“ hat mit der sinnlichen Berührung gelernt, seinen eigenen Weg der Heilung zu gehen. Er wird damit zu einem Sohn von Jesus im übertragenen Sinn.

Heiliger Rauch

Mit einem Film zur Sektenthematik überraschte die Neuseeländerin Jane Campion. „Holy Smoke“ erzählt die Geschichte der jungen Australierin Ruth Barron (Kate Winslet), die nach Indien reist und sich der Gemeinschaft eines Sektengurus anschliesst. Die Familie in Australien ist darüber dermassen besorgt, dass sie einen Sektenspezialisten (Harvey Keitel) anheuert, der Ruth aus der Sekten-Abhängigkeit herausholen soll. Mit der vorgetäuschten Krankheit des Vaters gelingt es der Mutter, Ruth aus Indien zurückzuholen. Zu Hause wird Ruth vollständig isoliert und von dem Sektenspezialisten P.J. Waters mit zweifelhaften Methoden „umprogrammiert“. Im zweiten Teil des Films entwickelt sich die Story zu einer gegenseitigen sexuellen Abhängigkeit zwischen Therapeut und Klientin, die zusehends ausser Kontrolle gerät und beinahe in den Abgrund führt. Jane Campion, die als Regisseurin vor allem durch „An Angel at my Table“ und „The Piano“ international bekannt ist – kehrt mit „Holy Smoke“ zurück zu ihren früheren Werken. Mit einer Tendenz zu Witz und Groteske versucht sie, die thematischen Stränge miteinander zu verbinden und scheitert dabei in der gestalterischen Umsetzung. Überzeugend ist hingegen die schauspielerische Leistung von Kate Winslet, die mit heiligem Feuer die siebzehnjährige Ruth verkörpert und erahnen lässt, was eine Jugendliche dazu führt in einem indischen Ashram ihre Zukunft zu suchen und zu finden.

Gefängnisgeschichten zwischen West und Ost

Für den interkulturellen Vergleich boten sich im Wettbewerb zwei Filme an, die auf der Geschichte einer Gefängnisentlassung beruhen. Der Franzose Benoit Jacquot erzählt mit „Pas de scandale“ in einer stilisierten Form von einem Manager (Fabrice Luchini), der wegen Wirtschaftkriminalität vier Monate im Gefängnis war und nun aus dem Gefängnis entlassen, mit seiner „haute société entourage“ nicht mehr zu Rande kommt. Besonders seine Frau Agnès (Isabelle Hupert) leidet unter der plötzlichen Güte und Naivität ihres Mannes und fühlt sich bzw. ihren Sozialstatus durch sein befremdlich naives Benehmen bedroht. In der formalen Stilisierung und mit einer Starbesetzung zeigt der Film, dass die „Güte“ als Haupteigenschaft eines Menschen in der leistungsorientierten Gesellschaft zu einem handycap wird. Diese Aussage bleibt jedoch ungedeckt im Raum stehen und vermag sich in den verschiedenen Erzähllinien nicht wirklich durchzusetzen.

Demgegenüber geht der Film „Guo Nian Hui Jia“ („Siebzehn Jahre“) des Chinesen Zhan Yuan stärker in die Tiefe, wenn er mit seiner naturalistischen Gestaltung von einem jungen Mädchen berichtet, das seine Halbschwester in einem Streit erschlägt und aus diesem Grund siebzehn Jahre im Gefängnis einer Resozialisierung unterzogen wird. Als erwachsene Frau erhält die Protagonistin die Möglichkeit zu einem Neujahrsurlaub. Der Ausflug in die Welt wird für sie zu einer schweren Prüfung und nur dank der Hilfe einer Gefängnisoffizierin findet sie ihre Familie in einem der hässlichen Grossstadtquartiere. Die Begegnung mit ihrer Mutter und mit ihrem Stiefvater ist sehr schwierig und trotzdem wird eine mögliche Versöhnung angedeutet. Zhang Yuan bringt mit seinem Film vor allem zur Geltung, dass die chinesische Gesellschaft als ganze in einem Gefängnis der Konventionen, der Normen und Ideologien eingeschlossen ist. Die exemplarische Familiensituation verweist auf eine gesellschaftliche Ordnung, die alle Menschen in ein Programm der Resozialisierung einfügt. Die Bilder von Zhang sind derart präzis, dass die Aussage zwischen den Bildern deutlich hervortritt und damit ein kritisches Plädoyer für eine menschlichere Gesellschaft formuliert.

Ildolce cinema

Mit einem herausragenden Beitrag zur Geschichte des italienischen Kinos war Martin Scorsese für den abschliessenden Höhepunkt des Filmfestivals verantwortlich. Aus seiner persönlichen Sicht blickt er in „Il dolce cinema“ auf das italienische Filmschaffen zurück, von den Anfängen bis in die 70er Jahre. Mit einem Schwerpunkt im Neorealismus und mit der besonderen Gewichtung von Roberto Rossellini (Paisà 1945, Roma città aperta 1946), erzählt Scorsese von seiner Spiritualität und seinem moralischen Standpunkt als Filmemacher. Durch die Filme aus Italien, die er während seiner Jugendzeit in New York im Fernsehen gesehen hat, entdeckte Scorsese seine eigene Herkunft und kulturelle Identität. Er erzählt von den bewegenden Momenten im Familienkreis beim Schauen der italienischen Filme von De Sica, Rossellini oder Visconti. Dieser persönliche Blick auf das italienische Kino lässt auch die spirituelle Kraft des Kinos erleben, die Scorsese zu seinem eigenen Filmschaffen inspiriert hat („Raging Bull“, „Taxi Driver“, „The Last Temptation of Christ“). Der in Venedig präsentierte Dokumentarfilm ist ein „work in progress“, der erste vorläufige Teil einer ausführlichen Arbeit über die italienische Kinogeschichte, betrachtet durch die Augen des italoamerikanischen Filmemachers Scorsese.

Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

Filmfestival Venedig 1999
Preise der internationalen katholischen Jury (OCIC)

Grosser Preis der OCIC-Jury
Der Hauptpreis ging an „Jesus´ Son“ (USA 1999) der kanadischen Regisseurin Alison Mclean. Es handelt sich um einen Film der Heilung. Die Regisseurin benutzt einen cinematographischen Stil, der Pop-Art, Witz und religiöse Ikonographie verbindet, was teilweise komisch aber auch irritierend und störend wirkt. „Jesus´ Son“ erzählt von der Reise eines jungen Drogenabhängigen, der gutmütig und gleichzeitig verwirrt erscheint. Er wird dabei schrittweise zu einem Menschen, der sein Mitleiden mit Kranken und Behinderten entdeckt, indem er sie körperlich und spirituell berührt und dadurch ihr Leben verändert.

Zwei Spezialpreise vergab die internationale katholische Jury an:
Jerzy Stuhr für seinen Film „Tydzien z zycia mezczyzny“ („Eine Woche im Leben eines Mannes“, Polen 1999). Anhand der Wochenchronik eines sehr beschäftigten Staatsanwaltes, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht, zeigt der Schauspieler und Regisseur Jerzy Stuhr das Porträt eines Mannes, dessen Leben vollständig leer erscheint. Während er seine Frau, seine Mutter und seine Freunde verliert, beginnt in ihm eine Wiedergeburt. Am Ende der Woche wird er wiedergeboren und lernt dabei, dass alle Menschen Liebe finden und Liebe geben müssen, um der Einsamkeit zu entgehen.

Zhang Yuan für seinen Film „Guo Nian Hui Jia“ („Siebzehn Jahre“, Italien 1999). Für die Intensität und dramatische Tiefe, mit der diese zeitgenössische Geschichte aus China erzählt ist, und mit der sie universale Werte verkörpert. Der Film vertritt die Idee einer Gefängnisstrafe, die als Mittel der persönlichen und sozialen Erziehung eingesetzt wird. Dabei werden sowohl die Wiederherstellung einer auseinandergebrochenen Familie als auch Solidarität und Versöhnung als Themen hervorgehoben.

OCIC ist die internationale katholische Organisation für Film und audiovisuelle Medien. Sie vertritt weltweit das Anliegen des Dialogs mit der Filmkultur und ist mit selbständigen Jurys an den wichtigen Filmfestivals präsent. An der OCIC-Jury des 56. Filmfestivals in Vendig haben teilgenommen: Ivan Corbisier (Belgien), Massimo Giraldi (Italien), Ernesto G. Laura (Italien), Charles Martig (Schweiz), Bernhard Natschläger (Österreich), Freddy Sartor (Belgien) und Peter Malone (Australien, Präsident der Jury).