„Filme sind ähnlich wie Menschen …“

Innerhalb von zehn Tagen visioniert die Ökumenische Jury in Locarno 21 Wettbewerbsfilme aus 18 Ländern. Am 12. August wird sie den Preis der Ökumenischen Jury verleihen. Wie die Arbeit der Jury in Locarno aussieht, was die Auswahlkriterien und Themen des diesjährigen Wettbewerbs sind, darüber hat sich der Medientipp mit Maggie Morgan unterhalten. Maggie Morgan gehört zur sechsköpfigen Ökumenischen Jury in Locarno. Sie hat bereits in Cannes 2005 in der Ökumenischen Jury mitgewirkt und arbeitet als Produzentin unabhängiger Filme in Kairo.

Sie haben bisher mehr als die Hälfte der Wettbewerbsbeiträge gesehen. Gibt es ein Thema, das in verschiedenen Filmen immer wieder kehrt oder den Wettbewerb gar dominiert?

In vielen Filmen geht es um Beziehungen, wobei die Beziehungen von Menschen über die Generationen hinweg in zahlreichen Wettbewerbsfilmen im Zentrum stehen wie beispielsweise in „Half Nelson“ (USA), „Der Mann von der Botschaft“ (Deutschland/Georgien), „Das Fräulein“ (Schweiz/Deutschland), „The Life of the Saints“ (Grossbritannien) oder „Agua“ (Argentinien/Frankreich). Mehrfach geht es um schicksalhafte Begegnungen zwischen erwachsenen Personen und Kindern oder Heranwachsenden. In „Das Fräulein“ wird das klar strukturierte Leben der 50-jährigen Kantinenbesitzerin Ruza arg durcheinander gebracht, als die 22-jährige Ana – dem Krieg in Sarajewo entflohen – plötzlich in ihr Leben platzt. In „Der Mann von der Botschaft“ erwischt Herbert die 12-jährige Saschka, als sie ihm auf dem Markt in Tiflis den Geldbeutel entwendet. Der Attaché für Entwicklungsfragen ist von Saschkas Schicksal berührt und versucht ihr zu helfen. Auch sein monotoner Alltag verändert sich durch die anbahnende Freundschaft mit Saschka.

Nach welchen Kriterien beurteilt die Ökumenische Jury die Filme? Wie läuft das Auswahlverfahren ab?

Einerseits wird die künstlerische Qualität eines Filmes beurteilt. Andererseits interessiert das menschliche Dasein in seinem universellen Zusammenhang. Wichtig ist auch, dass die Filmerfahrung oder das Ende Hoffnung gibt.
Grundsätzlich verhält es sich mit Filmen ähnlich wie mit Menschen: Manchmal gefallen sie sogleich, sie berühren unmittelbar und beeinflussen uns stark. Manchmal erweist sich der Zugang als eher schwierig und erst im Austausch, in Gesprächen, entdeckt man deren Tiefe. Wir sehen uns täglich zwischen zwei bis drei Wettbewerbsfilme an und treffen uns regelmässig, um diese zu diskutieren und zu entscheiden, ob sie zu den Favoriten gehören sollen. Zur Zeit favorisieren wir drei Filme. Die Entscheidung über den/die PreisträgerIn wird erst am Freitag fallen, wenn wir alle Filme visioniert haben. Dann werden wir den Entscheid auch in einer schriftlichen Begründung festhalten.

Sie waren bereits einmal Mitglied in der Jury in Cannes. Wie beeinflusst die Juryarbeit Ihr eigenes Schaffen?

Die Juryarbeit eröffnet Perspektiven in andere Welten. Immer wieder merke ich, dass es in den verschiedenen Ländern viel Verbindendes gibt. Der Film ist ein Mittel für eine gemeinsame Sprache und gibt Einblick in eine andere Gesellschaft oder Kultur. Manche Filme öffnen dem Zuschauer die Augen für ähnliche Probleme in einem anderen Kontext. Der deutsche Film „Das Leben der Anderen“ (kein Wettbewerbsfilm) über die Überwachung der Stasi in der ehemaligen DDR hat mich beispielsweise an die Situation in Ägypten erinnert, wo die freie Meinungsäusserung nicht selbstverständlich ist.

Der diesjährige Wettbewerb ist zu zwei Dritteln von europäischen und westlichen Filmen geprägt. Vermissen Sie arabische Produktionen?

In Locarno werden dieses Jahr kaum arabische Filme aus Ägypten oder den Maghrebstaaten gezeigt. Jedoch ist mir aufgefallen, dass in Locarno – im Gegensatz zu Cannes – immer wieder einmal auch arabische Filme ausgezeichnet wurden. Der tunesische Film von Nacer Khemir „Tawk al Hamama al Mafkoud“ (Le collier perdu de la colombe), den ich sehr empfehlen kann, erhielt zum Beispiel 1991 den bronzenen Leopard.

Welche Filme stehen heute noch auf dem Programm?

Es stehen noch zwei Wettbewerbsbeiträge auf dem Programm: Der rumänische Film über eine Nacht während der Revolution im Dezember 1989, als Diktator Ceausescu gestürzt wurde, und der amerikanische Film „Stephanie Daley“. Darin stehen zwei Frauen und ihr Schwangersein einander gegenüber: Die Gerichtspsychologin, die im siebten Monat ist, und die 16-jährige Stephanie Daley, die wegen Schwangerschaftsabbruch und anschliessender Kindstötung angeklagt ist.

Das Interview mit Maggie Morgan führte Monica Lienin, Redaktorin Medientipp
monica.lienin@medientipp.ch

Die Verleihung des Ökumenischen Preises findet am Samstag, 12. August um 17.00 Uhr im Rahmen des Festivals in Locarno statt. Der Preis ist mit 20´000 Franken dotiert und an die Filmdistribution in der Schweiz gebunden.

Zur Jury in Locarno: http://www.kirchen.ch/filmjury/aktuell.php

Offizielle Festivalwebsite: http://www.pardo.ch

Die Wettbewerbsfilme (mit Filmausschnitten)

Dossier von Radio DRS zu Locarno

Auszeichnung für „Agua“ in Locarno:
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,3&meid=62999