Filme als Trauerarbeit
Unter „Let’s rock“ fasste Festivaldirektor Dieter Kosslick das Leitmotiv der diesjährigen 58. Berliner Filmfestspiele im Vorwort des Filmkatalogs zusammen. Für die Filme im Wettbewerb galt allerdings etwas anderes: Trauerarbeit stand im Vordergrund. Der Tod geliebter Menschen, die Trauer über die Vergänglichkeit des Lebens oder die gescheiterte Lebensplanung wurden begleitet von Schuldgefühlen, Eifersucht und Feigheit. Demgegenüber wurde auch das Entdecken neuer Lebensmöglichkeiten, das Wiederfinden von Familie und von Glückmomenten wie im Preisträger der Ökumenischen Jury „Il y a longtemps que je t’aime…“ sichtbar gemacht und zwar quer durch die Filmkulturen – von Europa, Amerika bis hin zu Asien.
Den Auftakt im Wettbewerb machte der chinesische Beitrag „Zuo You“ („In Love we trust“) von Wang Xiao Shuai, der von einem an Leukämie erkrankten Kind erzählt. Die einzige Rettung ist eine Transplantation, für die am ehesten ein Geschwister in Frage käme. Dieses ist jedoch noch nicht geboren und die Eltern des erkrankten Mädchens sind längst geschieden und leben beide in neuen Beziehungen. Was kann hier eine richtige Entscheidung sein? Faszinierend war, wie Geschlechterrollen im zeitgenössischen chinesischen Film thematisiert werden und wie ein ethisches Dilemma – eine Versuchsanordnung über das (Nicht-) Kinder-Bekommen – eine adäquate und globale filmische Umsetzung erhalten hat. Von der Ökumenischen Jury wurde dieser Film mit einer lobenden Erwähnung bedacht, denn er stellt „wichtige Fragen nach der Substanz menschlicher Beziehungen“ und danach „wie weit man gehen darf, um das Leben eines Kindes zu retten.“
Juans Trauer um den Vater
In „Lake Tahoe“ von Fernando Eimbeck (Mexiko 2008) fährt ein junger Mann irgendwo in einer verschlafenen Kleinstadt Mexikos das Auto seiner Mutter gegen eine Stromleitung. Danach wandert er auf der Suche nach Ersatzteilen von einer Werkstatt zur anderen. Juan fragt, wartet, probiert aus, nichts passt und er sucht weiter. Dabei begegnet er Menschen, die mit ihm warten, die ihn einen Moment des Lebens teilen lassen. Bei seiner kurzen Rückkehr ins Elternhaus versteht man, dass Juan noch auf einem anderen Weg unterwegs ist: Sein Vater ist gerade gestorben, die Mutter verweigert sich allem, sein kleiner Bruder ist hilflos in seiner Trauer und Juan mittendrin. Die Schwarzblenden zwischen den einzelnen ruhigen Szenen ziehen sich durch den gesamten Film, rhythmisieren ihn und lassen etwas von dem bodenlos schwarzen Loch erahnen, in das auch Juan gefallen ist und aus dem er sich dennoch immer wieder herauszieht. Am Ende des einen Tages beziehungsweise am nächsten Morgen beginnt sein neues Leben. „Lake Tahoe“ ist eine konsequente Studie über das Trauern eines Jugendlichen und wurde mit dem Preis des internationalen Filmkritikerverbandes FIPRESCI ausgezeichnet.
Rudis Trauer um seine Ehefrau Trudi
Als Trudi erfährt, dass ihr Mann Krebs im Endstadium hat, überredet sie ihn zu einem Ausflug nach Berlin und an die Ostsee, um die gemeinsamen Kinder zu besuchen. Jede Geste ist bereits von Abschiedsschmerz geprägt und zugleich ist alles so normal und vertraut wie stets. Im Hotel an der Ostsee erliegt nun sie überraschend einem Herzinfarkt und Ehemann Rudi muss lernen, mit diesem Verlust zurechtzukommen. Die erwachsenen Kinder sind hilflos und Rudi entschliesst sich zu einer Reise, die sich seine Frau immer erträumt hatte – zur Kirschblüte nach Japan zu fahren. Rudi streift durch Tokio, wo alles anders und alles möglich ist. Er lernt eine junge Frau kennen, die den Schmerz um den Tod ihrer Mutter im Butoh-Tanz ausdrückt, freundet sich mit ihr an und hofft über den Tanz eine Verbindung zu seiner Frau zu erlangen. Am Ende stirbt auch Rudi – in Trudis Kleidern und Butoh tanzend am Fusse des Berges Fuji. „Kirschblüten – Hanami“ (Deutschland 2007) von Doris Dörries ist ein beachtenswerter Film, der anrührt und hoffentlich ein grosses Publikum finden wird. Von der Regie her etwas zu deutlich und ´dick´ in Figurenzeichnung und Setting aufgetragen, bleibt er im Gedächtnis: seien es die überforderten erwachsenen Kinder zu Beginn oder der unkonventionelle und fröhliche Rudi am Ende – Versöhnung ist möglich auch nach dem Tode.
Annäherung zwischen drei Hinterbliebenen eines Selbstmörders
Auch der zuletzt gezeigte Film des Wettbewerbs „Ballast“, ein Erstlingsfilm von Lance Hammer (USA 2007), beschäftigt sich mit Trauerarbeit. Im winterlich-öden Mississipi-Delta hat sich ein Mann mit Tabletten umgebracht, sein Zwillingsbruder versucht sich zu erschiessen und überlebt. Ein Junge macht seine ersten Erfahrungen mit Drogen, als er nicht bezahlt, werden er und seine Mutter bedroht. Die beiden suchen Zuflucht in dem kleinen Haus des verstorbenen Mannes, des Vaters des Jungen. Der Junge hatte mit dem Vater keinen Kontakt mehr, weil die Mutter es so wollte. Ihrer Meinung nach, war der Zwillingsbruder an der Entfremdung zwischen ihr und ihrem Ehemann schuld. Nun leben die drei – Frau, Sohn und Zwillingsbruder des Verstorbenen – auf einem Grundstück zusammen. Um finanziell aber auch emotional überleben zu können, beginnt notgedrungen eine Annäherung – langsam, ohne viele Worte und in der Routine des Alltags. Der Zwillingsbruder versucht einen zweiten Selbstmordversuch, doch hat der Junge die Patronen versteckt. Das Leben geht weiter, darf und wird weitergehen. „Ballast“ erinnert in seiner dokumentarischen Dichte und lakonischen Art an die Gebrüder Dardenne. Er wurde zumeist mit Laienschauspielern aus der Umgebung gedreht und erzählt von Menschen, die nicht aufgeben. Der Film ist ein Werk, das den Wortlosen Bilder schenkt.
Befreiung aus dem Eingeschlossen-Sein – der Ökumenische Preisträger
Lea und Juliette treffen sich nach 15 Jahren wieder, Juliette eine verschlossene herbe Frau ist nach dem Mord an ihrem Kind aus dem Gefängnis entlassen worden. Ihre jüngere Schwester nimmt sie bei sich und ihrer Familie auf. Juliette will nichts mehr vom Leben, wie automatisch meldet sie sich regelmässig bei der Polizei und der Sozialarbeiterin und begibt sich auf Arbeitssuche. In der Begegnung mit diesen Menschen und vor allem durch die unbedingte Zuneigung ihrer Schwester und deren Kindern erwacht das Leben wieder in ihr. Sie merkt, dass sie Menschen braucht und dass Menschen sie brauchen. In „Il y a longtemps que je’taime…“ von Philippe Claudel (Frankreich/Deutschland 2007) ist das Thema des Eingeschlossen-Seins im wörtlichen und übertragenen Sinne bis in die Nebenfiguren hinein genau gezeichnet. Am Ende lassen sich die Türen wieder aufschliessen – Juliette kann erzählen, was einst geschah und annehmen, was ist. Der Film ist das Regiedebüt des Romanautors und früheren Lehrers Philippe Claudel, der viele Jahre im Gefängnis unterrichtete. „Il y a longtemps que je’taime“ hat den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Für Juliette beginnt dank den aufgeschlossenen Menschen in ihrer Umgebung nach und nach ein Weg, so die Begründung, der zur Versöhnung und Vergebung mit sich und ihrer Geschichte führe und Juliette schliesslich zurück ins Leben bringe. „Ergreifend interpretiert von Kristin Scott Thomas zeigt uns der Film, dass wir mehr sind als das, was wir tun und was uns geschieht.“
Wenigstens einmal erbebte der Filmpalast vor Lachen
Die 58. Berlinale war kein starker Jahrgang im Wettbewerb. Ein Film am Ende sei noch erwähnt, bei dem zum einzigen Mal der Berlinale Palast vor Lachen erbebte: „Happy-Go-Lucky“ (Grossbritanien 2007), das jüngste Werk des britischen Altmeisters Mike Leigh (mehrfach ausgezeichnet von ökumenischen Jurys). Leighs Film zeigt Momentaufnahmen aus dem Leben einer dreissigjährigen Grundschullehrerin, die fröhlich ist – man könnte auch sagen albern, unerwachsen – und das Glück als Leichtigkeit des Lebens an andere weitergeben möchte. Eingewoben darin ist eine kleine Studie über Erziehung und Bildung und zwar nicht im Scheitern derselben, sondern in einem temporären Gelingen. Mike Leigh versucht darzustellen, was die Traumfabrik Kino einst angetreten ist zu versprechen: den Traum vom Glück – und zwar nicht im Zeigen seiner Abwesenheit. Kein „Always look at the bright side of life“, aber auch nicht weit davon entfernt. Für knapp zwei Stunden gelingt das. „Happy-Go-Lucky“ ist kein Film, der nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Aber dass es ihn gibt, ist mehr als genug und jeder Berlinale wert.
Dr. Julia Helmke, Jurypräsidentin
helmke@kirchliche-dienste.de
Ein ausführlicherer Text von Julia Helmke kann eingesehen werden unter:
http://www.kunstinfo.net/rund-um-den-film/filmfestivals/berlinale2008.php
Offizielle Festival Website:
http://www.berlinale.de
| Preisträger der Ökumenischen Jury 2008
Die Ökumenische Jury der Berlinale 2008 hat Preise im Wettbewerb, im Panorama und im Internationalen Forum des Jungen Films vergeben. Der Preis im Panorama ist von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit 2´500 Euro dotiert und geht an Filme junger Filmemacher. Der Preis im Forum ist von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit 2´500 Euro dotiert und geht an Dokumentarfilme. Der Preis für den Film im Wettbewerb geht an: „Il y a longtemps que je t’aime…“ von Philippe Claudel Juliette wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Nach und nach beginnt mit Hilfe ihrer Schwester und Menschen, die ihr aufgeschlossen begegnen, ein Weg, der zur Versöhnung und zur Vergebung führt mit sich und ihrer Geschichte und sie schliesslich zurück ins Leben bringt. Ergreifend interpretiert von Kristin Scott Thomas, zeigt uns der Film, dass wir mehr sind als das, was wir tun und was uns geschieht. Eine lobende Erwähnung geht im Wettbewerb an: „Zuo You“ („In Love We Trust“) von Wang Xiao Shuai „In Love We Trust“ ist eine kunstvoll gewobene Geschichte, die wichtige Fragen nach der Substanz menschlicher Beziehungen stellt und wie weit man gehen darf, um das Leben eines Kindes zu retten. Es ist ein Film über Vertrauen, Treue und Vergebung, über das, was Liebe letztlich ausmacht. Der mit 2´500 Euro dotierte Preis in der Sektion Panorama geht an: „Boy A“ von John Crowley Das filmische Spiel von Licht und Raum zeigt die Gefühlswelt eines jungen Mannes zwischen Schuldaufarbeitung, Busse und Lebenswillen. Nach langen Jahren aus dem Gefängnis entlassen, erhält er eine zweite Chance. Seine Sehnsucht nach einem neuen Leben in Wahrheit wird nach hoffnungsvollem Beginn zerstört durch gesellschaftliche Ignoranz und die Sensationsgier der Medien. Der mit 2´500 Euro dotierte Preis in der Sektion Forum geht an: „Corridor #8“ von Boris Despodov „Corridor #8“ ist ein ehrlicher und offener Blick auf eine Region Europas, zu der es nur wenige Verbindungslinien gibt. Das Strassenprojekt Corridor #8, das die Länder Mazedonien, Bulgarien und Albanien verbinden soll, ist ein Zeichen der Hoffnung, des Aufbruchs und der Mitmenschlichkeit. Der Film folgt der Strasse und zugleich den Fussspuren der Schüler des Apostels Paulus in dieser Region und fragt, warum diese Länder bisher so wenige Verbindungen untereinander hatten. Der Film erinnert daran, dass die Überwindung der Grenzen und Zäune, die Menschen errichtet haben, und die Förderung der humanitären Entwicklung eine wichtige Aufgabe der christlichen Verantwortung ist. Mitglieder der Ökumenischen Jury: Alina Birzache, Rumänien Die Mitglieder der Ökumenischen Jury werden jeweils von INTERFILM, der evangelischen Internationalen kirchlichen Filmorganisation, und von SIGNIS, der katholischen Weltorganisation für Kommunikation, berufen. |
