Feature am Sonntag. Moderne mit Veranda

Als «Symbol der nationalen und religiösen Wiedererstehung Georgiens» erhebt sich die 2004 fertiggestellte Sameba-Kathedrale wie ein Gebirge über der Stadt. Der pompöse Präsidentenpalast darunter steht derzeit leer. Verarmte Rentnerinnen verkaufen Blumen und Nüsse vor einem Luxushotel, das in die historische Altstadt gepflanzt wurde, während die typisch georgischen Häuser mit ihren Holzbalkonen, Veranden und weinlaubumrankten Innenhöfen verfallen. Tiflis ist eine Stadt zwischen Aufbruch und Abbruch. Während man in den Plattenbauten der Vorstädte noch lebt wie in kommunistischen Tagen, wachsen im Zentrum neben neoklassizistischen Bauten der Sowjetära modernistische Konsumtempel und Verwaltungsgebäude in die Höhe. Und die Bewohner? Sie improvisieren ihr Leben in meist ökonomisch prekärer Lage und behaupten sich mit eigensinnigem Charme zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne