Facettenreiche Bilder des Südens

Vom 12. bis zum 19. März fand das 14. Internationale Filmfestival Freiburg statt. Mit 18´000 Eintritten konnte es einen grossen Erfolg verbuchen – das Interesse des Publikums an Filmen aus dem Süden nimmt von Jahr zu Jahr zu. Aber nicht nur die Vielfalt des Programms, sondern ganz wesentlich auch die offene, herzliche Atmosphäre machen Freiburg zu einem der sympathischsten Festivals überhaupt. Eine Rückschau.

„Die Kunst des Bildes und des Films ist die direkteste Form der Kommunikation zwischen Nord und Süd. Sie baut Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen.“ Leonardo Boff, der brasilianische Theologe und diesjährige Jury-Präsident, stellt im Filmfestival Freiburg einen erfreulichen Kontrapunkt zur „Hamburgerisierung“ der Welt im Bereich der Medien und des Kinos fest. Das Festival trage dazu bei, die kulturelle Vielfalt innerhalb einer zunehmend uniformen Kinolandschaft zu erhalten und zu fördern.

Mit einem spontanen Fest „sous la tente“ mit improvisierten Bongorhythmen und Tanz kam die 14. Auflage des Internationalen Filmfestivals Freiburg am vergangenen Sonntag zu einem fröhlichen Abschluss. Einmal mehr bot sich den zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauern Gelegenheit zu Begegnungen mit Filmschaffenden aus aller Welt und zur Entdeckung einer breiten Palette von Filmen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Den Cineasten aus dem Süden bietet Freiburg eine Plattform, wo sie ihre Filme vorstellen und Verleiher dafür gewinnen können. Nicht zuletzt finden sie in Freiburg auch die Anerkennung, die ihnen im eigenen Land manchmal verwehrt bleibt. Das gibt ihnen Mut und Energie für die mühselige Weiterarbeit unter oft desolaten Produktionsbedingungen.

Von Menschen und Maschinen

Der Preis der ökumenischen Jury und drei weitere Preise gingen an Mundo Grua* (Kranenwelt), das erstaunliche Erstlingswerk des jungen Argentiniers Pablo Trapero. In absichtlich ältlich wirkenden, ästhetisch durchkomponierten schwarz-weiss Bildern erzählt der Film schnörkellos und sehr berührend die Geschichte eines liebenswerten 50jährigen Arbeiters, der sich als Kranführer in einer immer härter werdenden Arbeitswelt behaupten muss. Trotz widriger Umstände und misslicher Arbeitsbedingungen verliert Rulo nie seinen Optimismus, kümmert sich in rührender Weise um seine Mutter und seinen Sohn und schwelgt mit Freunden in Erinnerungen an die Zeit, als er noch Bassist einer bekannten Rockgruppe war. Regisseur Trapero gelingt es, auf eine subtile, manchmal beinah dokumentarische Art das Leben in seiner ganzen Heiterkeit und Traurigkeit auf die Leinwand zu bringen. Obschon der Film eine tragische Geschichte erzählt, bleibt Hoffnung und das Bewusstsein, dass Freundschaft, Familie und Herzlichkeit einem unwirtlichen Umfeld zu trotzen vermögen, dass es letztlich die kleinen Freuden des Alltags sind, die das Leben lebenswert machen.

Die alltäglichen, banalen Gesten stehen auch im Mittelpunkt des taiwanesischen Films Heian Zhi Guang (Dunkelheit und Licht) von Chang Tso-chi, der eine lobende Erwähnung der ökumenischen und der internationalen Jury erhielt. Mit einer unglaublichen Lebensfreude hellt die junge Kang-Yi das Leben ihres blinden Vaters und ihres geistig zurückgebliebenen Bruders auf. Die zarte Beziehung, die sie mit dem Nachbarsjungen aus der lokalen Mafiaszene beginnt, ist voller Poesie und stillem Humor.

Tradition und Moderne

Der zweite Wettbewerbsbeitrag aus Taiwan, Chao Zi Gong Ming* (Die Schicksalsbande) von Wan Jen, befasst sich mit der Konfrontation von Tradition und Moderne und stellt einem sinnentleerten Grossstadtdasein die spirituellen Werte der taiwanesischen Aboriginals (die indigene Urbevölkerung) gegenüber. Ein sehr stiller, faszinierender Film, der um die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes kreist.

Auf ganz andere Art thematisiert der Chinese Shi Run Jiu in seiner heiteren Komödie Meili xin shije (Eine wunderbare neue Welt) das Aufeinanderprallen von traditionellen Werten und einer am Westen orientierten Ideologie des Kapitalismus und des schnellen Geldes. Der „thumbe Thor“ vom Land und seine hochstaplerische „Tante“ aus der Stadt finden am Schluss trotz gegensätzlicher Auffassung gleichsam märchenhaft zusammen.

Der Grand Prix „le regard d´or“ ging, für viele schwer nachvollziehbar, an den südkoreanischen Film Sae Neun Paegoksuneul Greenda* (Der Vogel, der in der Luft anhält) von Jeon Sooil, ein düsteres, schwieriges Werk über verlorene Visionen und den müssigen Traum vom Fliegen.

Circuit „Films du sud“

Wie jedes Jahr geht im Anschluss an das Festival die Auswahlschau „Films du sud“ auf Tournee durch die Schweiz. Darin ist neben den bereits genannten Filmen auch Los libros y la noche, ein bemerkenswerter Dokumentarfilm von Tristán Bauer zu Leben und Literatur des argentinischen Schriftstellers Jorge-Luis Borges enthalten. Die Dokumentation Bye bye Africa von Mahamat-Saleh Haroun, eine Low-Budget Produktion aus dem Tschad, die sich dem Thema Kino und Film in Afrika widmet, gibt eine Antwort auf die Frage, weshalb im diesjährigen Festivalprogramm fast keine Filme aus Afrika zu sehen waren: Um Filme zu drehen, fehlen in Afrika schlicht die Mittel. Ob es sinnvoll war, auch den Gewinner des Grand Prix in den Circuit aufzunehmen, ist fraglich: Der zähe, deprimierende und allzu intellektuell konstruierte Film eignet sich wohl nicht gerade dazu, die Filme des Südens einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Dorothea Lanz, Fachstelle Filme für EINE Welt
 
 
* Die mit einem Stern gekennzeichneten Filme werden im Zyklus „Films du sud“ gezeigt.
Bereits bekannte Stationen und Daten:
Neuenburg / La Chaux de Fonds: 21.-28. März
Zürich: 30. März bis 5. April
Sion / Vevey / Aigle: 5.-11. April
Genf / Lausanne: 12.-18. April
Solothurn: 28.-30. April/5.-7. Mai
Ste Croix (VD): 26.-28. Mai
Lenk: 2.-4. / 16.-18. Juni
Weitere Angaben in der Tagespresse oder beim Festival. Tel: Tel 026/322 22 32