Evangelische Perspektiven. Eine evangelische Gemeinde entdeckt ihre Geschichte

Es «wird uns einen Augenblick sein, als ob der Boden unter den Füssen weggezogen würde. Andererseits liegt auch etwas Befreiendes in der Enthüllung der ungeschminkten Wirklichkeit.» Dies schreibt Landesbischof Hans Meiser 1948 in einer «Denk- und Predigthilfe» der Kirchenleitung in Bayern an die Pfarrer. In der Rückschau scheint es selbstverständlich, dass sich dieser Satz nur auf die unermesslichen Verbrechen des NS-Staates beziehen kann. Dass nun auch die letzten Nazis durch die «Enthüllung der ungeschminkten Wirklichkeit» von ihrer Ideologie befreit werden. Doch es geht um die Währungsreform. Der Text lagert in einem alten Schrank in einem Raum der Münchener Christuskirche, erreichbar mit drei Schlüsseln und über enge Treppenaufgänge: Dort, im Archiv der 1. Pfarrstelle, hat der Journalist und pensionierte Redakteur Christoph Lindenmeyer die Dokumente aus der NS-Zeit durchforstet. Welche Konflikte brechen auf, wenn es um die Deutungshoheit geht, gerade was die Rolle der Kirche in der NS-Zeit betrifft?